In ihrem neuen Buch, "Als ob sie träumend gingen", erzählt Anna Baar von großen Dingen: vom Krieg, der Liebe, vom Träumen, Hoffen und Scheitern. Wie in ihrem Debütroman "Die Farbe des Granatapfels" (2015) liegt der Schlüssel zur Handlung nicht in einer Person, sondern in der Sprache, mit der erzählt wird. Es ist ein verschlungenes Fabulieren, bilderreich und sinnlich, eine Diktion, die sich wohl auch durch die Verschmelzung zweier Kulturen entwickelt hat: Anna Baar wurde 1973 in Zagreb geboren und wuchs in Kärnten, Wien sowie auf der kroatischen Insel Brač auf.

Der Steinschmeißer

Der Protagonist des Romans, Klee, hatte schon früh seinen Ruf weg. In der engen, von Aberglauben bestimmten Welt der kleinen südlichen Insel, auf der er aufwuchs, galt er bereits als Kind als "Steinschmeißer" - dabei wollte der Fünfjährige den Schwalben doch nur Brotkrumen zuwerfen.

Das Missverständnis lässt sich nie wieder beheben, auch weil Klee es gar nicht will: Er ist einer, der sich durch Unterschiede definiert - und sich gerne widersetzt. Eigentlich ist er ein Held: Er hat sich gegen die Besatzer der Insel zur Wehr gesetzt, hat an der Front gekämpft, irgendwann wurde ihm ein Denkmal errichtet, irgendwann wurde es wieder abgerissen. Nun liegt der alte Mann sterbend und mit schwindendem Verstand in einer Anstalt. Der Arzt bedrängt ihn, sich zu erinnern, aber Klees Resümee folgt eigenen Wegen.

"Manchmal verdichtet sich das Leben in einer späten Rückschau zu einem einzigen Tag, und er wundert sich vielleicht, weil der Tag der Tage selbst aus früherer Sicht nicht der bedeutendste war, nicht reich an Handlung, nicht einer, an dem man Großes vollbrachte, eher etwas unterließ - ein Versäumnistag!" Auch Klee ist einer von denen, die am Ende bereuen, was sie nicht getan haben.

"Lieber tot als Untertan", hat er den Besetzungsmächten getrotzt, furchtlos das Richtige gemacht. Und doch: Warum hat Klee der Liebe widersagt? Da hat ihm einmal der Mut gefehlt, und er wird es nie verwinden. Klee lässt Lily - die Frau, die er liebt, und die auch ihn liebt - fallen. Er selbst sieht es so: Lily stand ihm nicht zu. "Und wie die Erschöpften, vor große Lebensfragen gestellt, den Verstand für den besseren Ratgeber halten, begann er, was ihm das Herz befahl, als Schwäche zu bereuen."

Ein Weckruf

Nein, Hoffnung ist kein Parameter dieser Geschichte. Also nahm Klee eine andere Frau. Warum, fragt man sich, fragt sich am Ende des Lebens auch Klee selbst. Wobei die Grenze zwischen Wahrheit und Traum immer neu definiert wird, so wie der sterbende Mann seine Geschichte nach individuellen Prioritäten formatiert und am Schluss nur zählt, was wichtig - und nicht, was wahr war.

Die Autorin wird gerne und oft als "sprachmächtig" bezeichnet. Aber gerade der ausufernden Worte wegen schafft diese Geschichte es nicht, wirklich zu berühren - und Klees Courage im Großen nicht zu überzeugen. Mag er sich auch den Tyrannen entgegengestemmt haben, so ist er dennoch ein Feigling. Ein Hoffnungsloser. Insofern ist Klees Geschichte ein Weckruf: Wer das Leben verpasst, den holt die Angst in der Todesstunde ein.