Die Wiederentdeckung von Ernst Lothar als Autor schreitet fort. Mit Nachhall hatte der 2016 wieder erschienene "Engel mit der Posaune" zum Auftakt geblasen. Sogar die Theaterversion wurde, neu gestaltet, dem Publikum abermals präsentiert. Nun folgt der Heimkehrer-Roman "Die Rückkehr", der 1949 zum ersten Mal auf deutsch publiziert wurde und schon damals ein authentisches Bild der materiell wie seelisch zerstörten Wienerstadt nach den Verheerungen der NS-Besatzung und des Kriegs bot.

Ernst Lothar, der einst als Jurist Sektionschef im Handelsministerium und danach, in den dreißiger Jahren, Direktor des Theaters in der Josefstadt gewesen war, musste 1938 vor dem Naziterror in die USA entfliehen und kehrte gleich nach Kriegsende nach Wien zurück.

Dort bahnte sich damals die bodenständige Barbarei, unbeschadet der Gräuel der Kriegszeit, teilweise noch immer ihren Weg. Kaum jemand sah sich genötigt, mit Rücksicht auf die historische Schuld der NS-Beteiligung eine Erklärung, geschweige eine Recht-fertigung vorzubringen. Stattdessen verschafften sich Neid und Missgunst gegenüber den Zurückgekehrten ungeniert Raum. Viele der so erneut Gedemütigten wandten sich verzweifelt und voll Widerwillen ab. Manche verfielen einer tiefen Resignation, fragten sich womöglich in sinnloser Selbstanklage: Was taten wir, dass Generationen von uns gemordet werden durften?

Verpestete Atmosphäre

Von den Tätern und Mitläufern wurden sie mit ihren Fragen und seelischen Qualen im Stich gelassen. Wert und Unwert der Zivilisation blieben weiterhin unversöhnlich geschieden. Daneben kauerten die lethargisch Erstarrten, rumorten die handgreiflich Tüchtigen, schacherten die Schieber, Schwarzmarkthändler und Korruptionsgewinnler.

In diese Stimmung kehrt, im Frühsommer 1946, Ernst Lothars Romanheld, der ehemalige österreichische Sektionschef Felix von Geldern, mit seiner Großmutter aus der amerikanischen Emigra-tion zurück ins heimatliche Wien. Sein unbändiger österreichischer Patriotismus wurde ihm zum Kompass für eine frühe Heimfahrt. Die Sehnsucht nach Wiedergewinnung der vertrauten Wege und verlorenen Freunde war übermächtig geworden. Was ihn indes erwartet, ist eine zerstörte Stadt voll Elend und Not, eine steinerne Wüste von Ruinen, Trümmer, Schutthalden, Dreck und herumliegendem Unrat. Dazu Feindseligkeit überall. Verbitterte Gestalten. Eine verpestete Luft voll Hass, Lüge, Hinterhältigkeit und seelischer Verwahrlosung.

Auf dem Weg vom Westbahnhof in die Innenstadt ist es zunächst die bauliche Zerstörung, die dem Leser durch den Augenschein des Rückkehrers eindrücklich nahegebracht wird: "Ein großes, weißes Schild mit aufgemaltem Sternenbanner: ‚Entering US-Zone‘. Die Mariahilfer Straße US-Zone! Berge von Schutt, zwischen Verschontem. Das Verschonte rissig, mit abgebröckeltem Verputz, Einschüsse in den Mauern. Die Fenster mit Pappendeckel verschalt, die Schaufenster mit Holz. Fast keine Menschen auf den Straßen, die wenigen, die man sah, hohlwangig, unsäglich schäbig, mit Salzburger Jacken, Kniestrümpfen, Steirerhüten. Links, neben der Stiftskirche, eine amerikanische Kaserne. Zwei riesige MPs davor regelten den Verkehr, der aus ein paar Jeeps bestand. Rechts gegenüber hing an einem zerbombten Haus ein Alkoven buchstäblich in der Luft. Darunter die Tafel: ‚Zahnarzt Dr. Paul Berger‘. Der Zahnarzt war verjagt, die Tafel war geblieben."