Mit "Hain" hat Esther Kinsky zweierlei Beachtenswertes geschafft: ein berührendes Buch über ihren vorzeitig verstorbenen Partner, wie auch einen der schönsten Prosabände dieses Jahres. Dass sie mit diesem außergewöhnlichen Buch zudem einen neuen Verleger gefunden hat, nämlich Suhrkamp, ist erfreulich, denn so wird ihre Prosakunst hoffentlich jene größere Beachtung finden, welche die Autorin verdient.

Für "Hain" hat Kinsky die poetische Klassifikation Geländeroman gewählt, die sehr schön zum Ausdruck bringt, was im Buch passiert: nämlich eigentlich nichts. Vordergründig sind es drei italienische Orte und Landschaften, die in den drei Abschnitten behandelt werden: Olevano Romano, eine Kleinstadt nahe Rom; Chiavenna, der Urlaubsort der Kindheit; und schließlich die Gegend um Ferrara.

Mit einem Sprachempfinden sondergleichen gelingt es Kinsky, diese fremd-vertrauten Landschaften genauestens zu beschreiben, oder vielmehr: in der Vorstellungskraft des Lesers zu evozieren. Nature writing nennt man diese Disziplin mittlerweile, da es insbesondere anglo-amerikanische Autoren sind, die sich in letzter Zeit in diesem Feld hervorgetan haben.

Traumgespinst

Perspektiviert werden ihre Schilderungen Italiens aber durch das schreckliche Ereignis des Todes von Martin Chalmers, dem vielleicht wichtigsten Übersetzer deutscher Texte ins Englische, der solche Autoren wie Thomas Bernhard, Alexander Kluge, Peter Handke und Ulrich Peltzer dem an deutschsprachiger Literatur notorisch desinteressierten anglophonen Buchmarkt zugänglich gemacht hat.

Esther Kinsky macht kein Hehl daraus, dass ihr Aufenthalt in Italien erkennbar ist als ein Versuch der Trauerbewältigung nach dem Tod des Lebensgefährten. Doch trotz ihrer Flucht aus dem angestammten Berliner Umfeld verfolgen sie die Gespenster des Todes natürlich auch in der Fremde. Zu den eindringlichsten Passagen von "Hain" gehören die kurzen Texte, in denen die Autorin die nächtliche Wiederkehr des verlorenen Partners als Traumgespinst beschreibt. Ebenso sind die Schilderungen ihres Italienaufenthalts insbesondere geprägt durch Besuche auf Friedhöfen wie auch andere morbide Motive: Der Fund eines toten Vogels, die etruskische Totenkultur der necropoli, der Besuch des Grabes von Schriftsteller Giorgio Bassani oder eben auch Erinnerungen an den toten Vater prägen diese Trauerprosa.

Wie gebannt führen die Wege der Erzählerin sie stets entlang eines Weges, der zwischen den Toten und den Lebenden verläuft - und solcherart das Gefühl der Dislozierung durch das schreckliche Ereignis des Todes auch für den Leser spürbar macht.

Vögel & Mosaiken

Eine besondere motivische Rolle in "Hain" spielen auch die Vögel, die seit jeher als Todesboten, als Mittler zwischen dem Diesseits und Jenseits gelten, sowie die bemerkenswerte Kirchenkunst Ita-liens, die - kodiert in Glaubenssätze der christliche Religion - die Verknüpfung des irdischen Lebens mit der Hoffnung auf ein himmlisches Nachleben und vor allem auf ein Wiedersehen mit den Verlorenen zu bildlicher Darstellung bringt.

Kunst wird so zum Trost angesichts der bitteren Erkenntnis, dass der Tod das Ende ist. Und doch vermag sich in den literarischen Bildbeschreibungen von Esther Kinsky jenes Gefühl der Levitation (des Schwebens) einzustellen, das auch die Erzählerin ergreift - auf ihrer letzten Reiseetappe, beim Anblick der großartigen, als UNESCO-Welterbe klassifizierten Mosaiken im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna: Der Betrachter könnte "sich in diesem Blau auflösen, den Boden unter den Füßen verlieren und schwerelos zwischen Ornamenten, Sternen und Vögeln der Mosaiken umherirren, bis aller Sinn für Irdischkeit abhandengekommen war".