Mittlerweile ist auch Josef Winkler ins Pensionistenalter eingerückt. Die österreichische Literatur insgesamt altert, denn was seitdem nachkommt kann nur in Einzelfällen mit dem mithalten, was die Autoren der 1960er bis 1980er vorgelegt haben. Andererseits ist auch so manches Fragezeichen angebracht bei dem, was die alten Heroen mittlerweile publizieren. Umso bemerkenswerter, dass Winkler an seinem Lebensthema ohne Kompromiss festhalten konnte, also dem sprachlichen Protest gegen den Katholizismus-Nationalsozialismus-Komplex, den er während seiner Dorfkindheit als Erbe der väterlichen Generation vorgefunden hat. Gerade in Kärnten gibt es eine faschistische Geschichte, die nicht zur Vergangenheit werden will, denn beständig neue Skandale halten die braunen Verbrechen aktuell. "Kontaminierte Landschaften" hieß ein Essay von Martin Pollack (Residenz, 2014), der sich mit den in Europa heimlich verscharrten Leichen ermordeter Juden, Roma, Antikommunisten und Partisanen beschäftigte.

Globocniks Leiche

Um einen geheim beerdigten Körper geht es auch in Winklers neuem Werk "Laß dich heimgeigen, Vater": In seinem Kärntner Heimatdorf Kamering, auf dem "Sautratten" genannten Gemeindefeld, hatte man den Leichnam des Holocaustverbrechers Odilo Globocnik verscharrt. Also dort, wo Winklers Vater und Großvater ihr Getreide, die Erdäpfel und den Kukuruz anbauten, die wiederum vom jungen Sepp geerntet wurden. Über die Nazi-Leiche wurde im Dorf geschwiegen, erst vor wenigen Jahren hat Winkler davon erfahren. Sein Buch ist die erbitterte Gegenrede zu diesem kollektiven Schweigen. Der Text als manische Rede erzählt die für Winkler-Leser altbekannten Dorfgeschichten von Leben und Sterben, Krankheit und Arbeit. Diese Geschichten werden neu vermessen vom archimedischen Punkt, den das unter dem Gemeindebesitz beerdigte Skelett des millionenfachen Judenmörders markiert.

Hunderte Male wird sein Name genannt und geschmäht als "Nazibluthund" oder "Judenmassenmörder", wie auch die Vision seines langsam vermodernden Leichnams unter dem Feld, auf dem die Väter gearbeitet und die Kinder gespielt haben, entworfen wird. Ja, Winkler geht sogar so weit, eine sozusagen metaphorische politische Versuchung der Nahrungsmittel zu behaupten, die aus den organischen Überresten des Verbrechers gewachsen sind: das Heu habe über die damit gefütterten Kühe eine verseuchte Milch erzeugt und "damit die verseuchte Butter und den verseuchten Käse auch an die nächste und über-nächste Generation weitergegeben."

Buhlen um Liebe

Wie schon der Titel andeutet, ist Winklers Buch vor allem eine Abrechnung mit dem Vater, der zwar - wie alle Männer des Dorfes - unablässig eigene Heldengeschichten aus dem Krieg erzählt, über den Naziverbrecher aber eisern geschwiegen hat, was der Sohn ihm nicht verzeihen kann. Der Vater erscheint tief ambivalent als Figur zwischen Hass und Liebe, häufiger Gewalt und seltener Zuneigung, um die sein Sohn gerade buhlt: "Als ich Dir einmal in einer Illustrierten den lebensgroß abgebildeten Schädel von Hitler gezeigt habe [. . .] hast du gelacht und zärtlich gerufen: ‚Der Adolf!‘ Hättest du mich einmal so zärtlich gerufen, aber wie oft habe ich nur den strengen Ruf gehört: ‚Sepp!‘."

Hier und anderswo im Buch wird erkennbar, wie hinter allem Hass, aller Anklage, sich das Bedürfnis nach erlösender Zärtlichkeit ausdrückt. Dafür ist es nach dem Tod des Vaters zu spät, aber zumindest kann es in der Literatur noch beschworen werden.