"Bekanntlich ist es, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, eine schwer zu verteidigende Eitelkeit, seine Notizbücher und Journale schon zu Lebzeiten zu publizieren", konstatiert Clemens J. Setz, Autor monumentaler, gefeierter Romane wie "Indigo" oder "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", faktisch richtig im Vorwort zu seinem neuen Buch "Bot". Recht eigentlich aber tut Setz in diesem schlanken Band nichts anderes als genau das: Er trägt seine in einer Word-Datei festgehaltenen Reiseimpressionen, Geschichten über Tiere (und deren Misshandlung), Beschreibungen seiner diversen Krankheitssyndrome, seine Reflexionen über Literatur und seine Affinität zu den Errungenschaften der Technologie an die Öffentlichkeit.

Das versucht der 36-jährige Grazer zu verkleistern, indem er die Aufzeichnungen als "eine Art Clemens-Setz-Bot" ausgibt, mit der Lektorin Angelika Klammer interagieren lässt und so die Illusion eines schlüssigen Dialogs zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz zu schaffen trachtet. Doch stellt sich in diesem artifiziellen Frage-Antwort-Spiel niemals auch nur eine entfernte Ahnung eines Dialogs ein. Notabene scheint ein größerer Teil der Notizen, ihrer "spontanen" Anmutung durch fragmentarischen Stil und scheinbar willkürlich hingeworfene Prämissen zum Trotz, von vornherein auf eine mögliche Veröffentlichung hin geschrieben worden zu sein.

Trotzdem: was Setz hier zu Tage fördert, ist die Zeit und Mühe der Auseinandersetzung wert. Zum einen lohnt es grundsätzlich, die Welt durch den mikroskopisch verfeinerten Blick des Clemens J. Setz zu betrachten. Dazu enthält das Buch auch genuin bedenkens- und bemerkenswerte Erkenntnisse: Etwa, dass es im Deutschen und in den meisten anderen Sprachen kein Wort für den Zustand des gelöschten Durstes gibt (im Unterschied zu "satt" für gelöschten Hunger). Einige Episoden sind recht lustig wie jene vom Tempel Rinno-ji im japanischen Nikko, der gerade renoviert wird und deshalb eingerüstet ist: Auf der Plane ist eine originalgetreue Zeichnung des Tempels appliziert - also sehen die Pilger am Ort des berühmten Gotteshauses nur eine Zeichnung davon.

Nicht zuletzt animiert Setz mit Einträgen zu so interessanten Aktivitäten wie der eingehenden Betrachtung von Sommersprossen bei unterschiedlichem Lichteinfall, "belegt" mittels Foto die Ähnlichkeit von Stiefmütterchen mit dem Gesicht des Schriftstellers Günter Grass und erinnert an vergessene epochale Werke wie die Weltmaschine, deren Bau der oststeirische Landwirt Franz Gsellmann übrigens vor genau 50 Jahren begann.

Natürlich geizt Setz in seinen Aufzeichnungen keineswegs mit genialisch-rästelhaften Bildern, Gleichnissen und Kausalketten. Das deutsche Feuilleton wird ihm solche Perlen aus der Hand fressen: "(Im Handwerk) verstecken sich vielleicht, so wie heute im Internet, vernünftige Ansätze für Alien-Landebahnen." "Bagger sind die besseren Dinosaurier." "Horaz im Original zu lesen, ist wie Tetris: Jedes Wort so sehr an seinem Platz, dass die Zeilen durchsichtig werden.".

Manchmal freilich wird der Autor selbst seiner waghalsigen Verbal-Kreationen müde: "Später im Hotelzimmer muss ich lachen über die Sinnlosigkeit solcher Beschreibungen", konstatiert er, nachdem er auf einer sogenannten Aurora-Jagd im norwegischen Tromsø in den Nordlichtern etwa "würmelnde Nester" oder "Tentakel" gesehen haben will: "Ich sitze neben einer Espressomaschine, die exakt wie ein sich vorbeugender Ritter aussieht, und streiche einige Absätze Aurora-Prosa in meinem Notizbuch durch."