"Das jetzt dauert drei Sekunden", sagt der Protagonist. "Wenn ich diesen Satz zu Ende gesprochen habe, ist er bereits Vergangenheit".

Das Vergehen der Zeit ist eine wesentliche Komponente in Hans Platzgumers neuem Roman. In schlagendem Gegensatz zum Gefühl notorischer Zeitnot, wie es in wirtschaftlichen Hochleistungsbereichen beklagt und teilweise auch zelebriert wird, scheint bei Platzgumer zu viel Zeit da zu sein: Zeit der Leere, die überbrückt werden muss, Zeit für unrealistische Gedankenspiele - aber auch Zeit als lebensgefährliche Bedrohung in eisiger Kälte.

Findelkind

Wir schreiben das Jahr 2002: François ist ein Findelkind. Seine Mutter hat ihn in einem Supermarkt in Marseille ausgesetzt. Das Ehepaar Toulet nimmt sich seiner an und bietet ihm ein solides Zuhause, doch François leidet unter dem spießig-despotischen Adoptivvater. Lediglich zu Lucy hat er eine emotionale Bindung. In ihr sieht François eine Schwester; mit ihr hat er einige Male belanglosen Sex. So wie er ist Lucy ein Findelkind - nur dass sie unter ungleich härteren Umständen auf den Straßen von Dakar überlebte. Als sie zwölf war, hatte sie ein gutbürgerliches Paar im Waisenhaus entdeckt und nach Marseille mitgenommen.

Kurz nachdem François problemlos die Matura gemacht hat, verlässt er das Haus seiner Adoptiveltern und folgt nach einer Weile ziellosen Umherwanderns in Marseille einem plötzlichen Impuls, das eigentümliche, in die Klippen am Meer gebaute Hotel Le Richard zu betreten. Dort trifft er auf seinen Schulkollegen Matthieu, der dazumal wegen seines formalen Auftretens und seiner Zielstrebigkeit Le Boche, der Deutsche, genannt worden war. Matthieu ist in kriminelle Geschäfte verwickelt, betreibt das Hotel offensichtlich zur Geldwäsche und beschäftigt François als Rezeptionisten und Helfer.

François erledigt für Matthieu regelmäßig Botenfahrten nach Genf, deren Sinn er nie hinterfragt, und verbringt im Le Richard ansonsten ein ruhiges Dasein. Dass aber eines Tages ein Gast in seinem Zimmer Russisches Roulette spielt und dabei ums Leben kommt, setzt François psychisch stark zu.

Nachdem alle Spuren des Vorfalls beseitigt worden sind, schickt Matthieu ihn als Geldkurier nach New York. In der ihm unbehaglichen Atmosphäre der nur vermeintlich völkerverbindenden Metropole versumpft François allmählich. An einem Abend knapp vor Halloween lernt er in einer Spelunke die aus Montreal stammende Anni kennen und verliebt sich stante pede in sie. Ihrer Aufforderung, sie zu besuchen, Folge leistend, reist François nach Montreal. Doch die Türnummer, die Anni ihm auf einen Zettel geschrieben hat, gibt es nicht. Da seine Geldreserven aufgebraucht sind und sein frühester Flug nach Marseille erst in drei Tagen startet, muss François eisige Nächte im Freien verbringen. Schließlich aber heil zurückgekommen, schlingert er alsbald in die nächste Bredouille.