Serhij Zhadan ist kein Rockstar. Während seine Bandmitglieder an diesem Tag rotweinselig beisammen sitzen, Lieder singen und Witze reißen, lehnt Zhadan an der Hauswand vor der Tür und spult konzentriert ein Interview nach dem anderen ab. Er reflektiert über Heimat, Identität und Sprache. Über Helden und Heilige. Er denkt nach, wägt ab und holt weit aus, um Dinge zu erklären. Geduldig. Manche Dinge wohl zum hundertsten Mal.

Serhij Zhadan ist ein Rockstar. Als er wenige Stunden später mit den Musikern auf die Bühne tritt, ist der Kulturpalast prall gefüllt. Die Gäste verstopfen die Gänge, es gibt kein Durchkommen mehr. Als Zhadan den Stehenden anbietet, sich doch auch auf dem Holzboden der Bühne zu setzen, gehen ein paar junge Mädchen mit gesenktem Blick und geröteten Wangen auf die Bühne. Wo kommen hier, in der 240.000-Einwohner-Stadt Czernowitz im äußersten Südwesten der Ukraine, nur plötzlich all diese jungen Leute her?

Es ist das internationale Lyrikfestival Meridian Czernowitz, das an die große Literaturtradition der ukrainischen Provinzstadt anknüpfen soll. Der Dichter Paul Celan wie die Lyrikerin Rose Ausländer wurden hier vor rund 100 Jahren geboren. Doch heute ist Zhadan der Star. Er ist es, der den Kultursaal zum Bersten bringt und am darauffolgenden Abend die große Freiluftbühne im Stadtpark ausfüllt; dem alle gebannt an den Lippen hängen; für den die Czernowitzer später für eine Buchwidmung Schlange stehen. Doch Zhadan singt keine schwülstigen Liebeslieder. Er schreibt nicht von durchzechten Nächten oder von der Ödnis der Provinz. Sondern vom Krieg.

Der 43-jährige Zhadan ist einer der populärsten Schriftsteller der Ukraine. So richtig einordnen lässt er sich derweil nicht. Er ist charismatisch, aber schüchtern. Rebellisch, aber zurückhaltend. Der Frontmann der Ska-Band Zhadan i Sobaky (Zhadan und die Hunde), mit der er immer wieder durch das Land tourt, aber kein Haudrauf. Zhadan ist Punk und Lyrik, Politik und Poesie. Ein eigentümlicher Mix, der viele in seinen Bann gezogen hat. "Er ist ein Schriftsteller wie ein Rock- Star, wie Lord Byron im frühen 19. Jahrhundert", schwärmt Witalij Tschernetskij, Slawistik-Professor an der Universität Kansas. Als "eine Art James Dean" des Donbass beschreibt ihn die Publizistin Marci Shore. "Niemand vereint den coolen Typen und den heiligen Narren so gut wie Zhadan", schrieb zuletzt der US-Historiker Timothy Snyder. "Er rappt Hymnen."

Zhadan ist im Luhansker Oblast in der Ostukraine aufgewachsen. In jener Region, die seit 2014 zu einem Teil von pro-russischen Separatisten, der selbsterklärten "Luhansker Volksrepu-blik", besetzt ist. Heute lebt er in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. "Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht", schrieb er in seinem Werk "Gedichte aus dem Krieg". Ein Krieg, über den er jetzt einen Roman geschrieben hat, der soeben auf Deutsch erschienen ist: "Internat".