Durch das Leben von Adolf Holl ziehen sich zwar ähnliche Probleme mit dem System Kirche, mit Glaubenssätzen und mit dem Zölibat, aber Harald Klauhs stellt fest: "Holl ging einen anderen Weg. Ein derartiger Bruch wäre für ihn einer Amputation von Gliedern seiner Biografie gleichgekommen." Die Wahl des Priesterberufs sei eine Lebensentscheidung, hat ihm seine Mutter mitgegeben.

Holl ist bis heute Priester geblieben, wiewohl er 1976 von Kardinal Franz König von diesem Amt suspendiert wurde und keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben darf. König war sicher kein Hardliner, stand aber einerseits unter großem Druck seitens der vatikanischen Glaubenskongregation und anderseits einem gerne provozierenden und wenig kompromissbereiten Theologen gegenüber.

In seinem 1994 erschienenen Buch "Was ich denke" sieht Holl seine Lebensgeschichte "als Kurzfassung der abendländischen Geistesgeschichte". Daran orientiert sich auch die Biografie von Harald Klauhs. Nach einem "Prolog im Himmel" folgen die Überschriften "Spätantike, Völkerwanderung, Christianisierung, Kampf gegen die Welt, Humanismus, Säkularisierung, Zeit des Zorns, Profanisierung, Etablierung" und ein "Epilog auf der Erde".

Affären & Kartenspiel

Es ist wohl kein Zufall, dass der längste Abschnitt sich auf die Jahre 1968 bis 1976 bezieht und "Zeit des Zorns" heißt. In diese Jahre fallen die großen kirchlichen Turbulenzen, auch der Entzug der Lehrbefugnis im Jahr 1973 als Folge von Holls Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft", aber auch der Tod seiner Mutter und der Beginn seiner dauerhaften Beziehung mit der Journalistin Inge Santner-Cyrus. Harald Klauhs verschweigt in seinem Buch nicht, dass Holl dem Zölibat schon 1959 mit der Gattin eines Heurigenmusikers untreu wurde, wonach es zu weiteren Affären kam. Bis dahin hatte sich Holl gerne dem Kartenspiel gewidmet, berichtet Klauhs: "Seit seiner Entdeckung lustvollerer Freizeitbeschäftigungen hatte er dafür allerdings kaum noch Zeit."

"Weihrauch und Schwefel" heißt eines von Holls Büchern, zwischen diesen Substanzen lief auch sein Leben ab. Harald Klauhs erweist sich als äußerst belesener Mann, der nicht nur Holls Werdegang detailreich beschreibt, sondern viel historischen Hintergrund in diese Biografie hineinholt und sie mit einer Fülle von Zitaten von und über Adolf Holl bereichert. Wer diese Zeit erlebt hat, bekommt etliche Ereignisse und Personen der jüngeren Kirchen- und Zeitgeschichte in Erinnerung gerufen, die heute fast in Vergessenheit geraten sind.

Man erfährt zum Beispiel, dass Holl als Kaplan einen ehemaligen Schüler, den Wehrdienstverweigerer Heinz Knienieder, vor den Behörden versteckt hat, einen marxistischen Intellektuellen, der Holl stramm "auf Linkskurs" gebracht habe. Manche mag es wundern, dass ein "Progressiver" wie Holl dem alten lateinischen Messritus mit seiner Magie nachtrauert: "Diese Aura hat das Zweite Vatikanum wegreformiert. Sehr zum Zorn von Adolf Holl." Weniger überrascht, dass Holl in Zyklen und Zeitaltern denkt: "Mit den Ewigkeiten hält er’s nicht so. Nicht einmal in Bezug auf Gott. Der ist für ihn keineswegs unwandelbar."