Doch ohne das besagte Drumherum geht’s nicht. Alsdann: Die Zeugen Jehovas sind jene ziemlich fundamentalistischen Christen, die immer gerade dann an der Türe läuten und über den Glauben reden möchten, wenn man sich zu Kaffee und Kuchen hingesetzt hat. Um das Gespräch zu beginnen, haben Sie sich Fragen zurechtgelegt, zu denen jeder irgendeine Meinung hat. Antwortet man, ist man schon im Gespräch.

Ich hatte mich mit einem Zeugen Jehovas angefreundet, der hatte sich seine eigene Frage für den Gesprächsbeginn zurechtgelegt. Christian, so will ich ihn für unsere Unterhaltung nennen, war etwa 40, ein echtes Wiener Urviech, und unverheiratet. Seine Technik, beim Missionieren mit Menschen ins Gespräch zu kommen, war echter Schmäh. Vorausschicken muss ich, dass die Zeugen Jehovas glauben, die Evolutionstheorie wäre ein Irrtum und Gott habe den Menschen grad so geschaffen, wie er heute aussieht.

Christian nun führte, wenn er missionieren ging, zwei Fotos mit sich, eines von einem Affen, der gerade mit einer Pfote das Hinterteil eines Artgenossen untersucht, und eines von Adam und Eva, wie Masolino sie schuf. Hatte Chris- tian das Glück, dass ihm ein Wohnungsinhaber oder eine Wohnungsinhaberin ein paar Minuten lang ihr Ohr zu leihen bereit waren, dann zeigte er die Fotos der Affen und des Masolino-Freskos und fragte: "Von wem würden Sie lieber abstammen? Von diesen da," (er zeigte auf Masolinos Malerei) "oder von denen da?" (Er zeigte auf die Affen.)

Schmähohne

So unsinnig der Schmäh war - er funktionierte, soll heißen: Natürlich gab es keine Spontanbekehrungen, aber jeder, absolut jeder, der Christian ein paar Augenblicke Gehör schenkte, zeigte auf Masolinos Menschenpaar. Das war der Beginn etlicher netter, wenngleich stets folgenloser Gespräche.

Nur einmal hatte Christian seinen Meister im Schmäh gefunden, genauer gesagt: seine Meisterin. Eine Frau hatte nach dem Klingeln ihre Türe geöffnet. Sie war etwa 30, vielleicht eine Spur älter, außerordentlich attraktiv; als sich Christian als Zeuge Jehovas vorstellte, blieb sie freundlich. Christian zog, wie gewohnt, seine Affen-Masolino-Nummer ab. Die Frau warf einen Blick auf die Fotos, überlegte ein paar Sekunden, dann deutete sie auf die Affen. "Von denen da", sagte sie. "Der Kerl ist mir zu fleischig und hat obendrein einen blödsinnigen Gesichtsausdruck. Und . . ." (sie deutete auf das von Masolino aus moralischen Gründen arg untertriebene Geschlechtsorgan) "na ja, das da ist auch ziemlich mickrig. Finden Sie nicht? Ich setze meine ganze Hoffnung auf die Affen."

Christian war schmähstad.

Heute ist Christian kein Zeuge Jehovas mehr, und er ist richtig glücklich verheiratet. Raten Sie einmal, zu welcher Frau er gesagt hat: "I mog di".

Schmähohne.