Sie haben mit Tantra jene Möglichkeit gefunden, die eigene Sexualität am Intensivsten zu erleben. Was macht Tantra in Ihren Augen so besonders?

Stefan May im Gespräch mit Saranam Mann. - © Elke Thonke
Stefan May im Gespräch mit Saranam Mann. - © Elke Thonke

Das bewusste Kultivieren einer liebevollen, nicht an Zwänge gebundenen Sexualität, die nicht nur zu zweit erlebt werden muss, um als seriös zu gelten. Im Tantra macht man sich die Ausschüttung von Glückshormonen zunutze, indem man sagt: Wenn du vielleicht - jetzt kommt ein für viele Menschen noch immer skandalöses oder verunsicherndes Tabuthema - wenn du mit fünf Menschen oder zehn Menschen gleichzeitig zärtlich Sexualität erlebst, bis in die höheren lustvollen Erregungszustände, dann entsteht ein neuronaler, hormoneller Wandlungsprozess deiner Persönlichkeit und du wirst zum Liebenden. Genährt und voller Liebes- und Glückshormone wirst du die Welt mit deiner Liebe und Fürsorglichkeit beschenken. Strukturen der Gesellschaften würden sich nach den Prinzipien von tief empfundener Liebe so wandeln, dass wir am Ende liebende Bewohner einer atemberaubend schönen Erde wären.

Ist das die Botschaft der 68er-Bewegung: Make Love, Not War?

Sex, das ist längst nachgewiesen, macht entspannt, gesund und fröhlich, lässt die Menschen jünger aussehen. Und vor allem möchte ich den Biologen António Damásio erwähnen, der gesagt hat: Wir sollten das Zitat von Descartes - "Ich denke, also bin ich" - durch dieses Zitat ersetzen: "Ich fühle, also bin ich." Das sogenannte Liebes-, Bindungs-, und Vertrauenshormon Oxytocin lässt uns Menschen einfühlsam, friedlich und fürsorglich werden.

Ist Tantra heute schon in der Gesellschaft angekommen, oder wird darüber immer noch eher hinter vorgehaltener Hand gesprochen?

Tantra wird heutzutage in allen Schichten der Gesellschaft akzeptiert. Immer mehr Menschen lassen sich inspirieren, eigene Gefühle achtsamer wahrzunehmen, oder ihre Liebesbeziehung mit Zärtlichkeit und Achtsamkeit zu bereichern. Darüber hinaus interessieren Menschen die gruppensexuellen Aspekte des Tantra. Es gibt ja die Swingerclubs und große Sexclubs. Aber dort wissen die Menschen oftmals nicht, wie sie einander herzoffen begegnen können. Erst einmal geht es vor allem um den Tabubruch: Intimität wird jenseits des Ehebettes zelebriert, es gibt keinen König, keinen Priester, keine Gesetze mehr, die uns Intimität in einer Gruppe verbieten. Nach der ersten sexuellen Revolution 1968, die vielleicht gar nicht so groß war, aber gesellschaftliche Freiheiten installiert hat, haben zunehmend mehr Menschen das Gefühl, endlich frei im Lieben und in der Gestaltung des eigenen Sexuallebens zu sein.