In Ihrem Buch stellen Sie Tantra als Möglichkeit vor, nicht nur die eigene Sexualität in besonderer Weise zu erleben, sondern auch als Mittel, auf gesellschaftliche Prozesse einwirken zu können.

Meine These mag provokant oder einfach nur einfältig klingen, und doch ist sie vom Standpunkt moderner Naturwissenschaften aus betrachtet plausibel. Politiker, kulturell Arbeitende, Firmenchefs oder Finanzspekulanten, Kirchenvertreter oder sogenannte Intellektuelle könnten ihre Sexualität kultivieren und dadurch zu Liebenden werden. Stattdessen werden sie von der Gesellschaft stigmatisiert, wenn ihr Sexualleben nicht gängigen monogamen Vorbildern entspricht. Ich plädiere für schonungslose Offenheit und geistige Flexibilität. Glückliche Menschen, die es gelernt haben, ihr ganzkörperliches lustvolles Empfinden zu verfeinern und zu steigern, die es gelernt haben, bedingungslos zu lieben, könnten in verantwortlichen Positionen Entscheidungen treffen, die die Welt friedlich und gerecht machten. Gesellschaftliche Strukturen, die auf humanistischen Prinzipien basieren, würden sich weltweit nachhaltiger durchsetzen.

Sehen Sie sich ein wenig als bunter Vogel in Ihrer Familie?

Das kann ich nicht genau sagen, weil mich niemand darauf anspricht. Auch in den kulturellen Institutionen, etwa in Lübeck und wo ich sonst überall bin, sind die Menschen sehr höflich zu mir. Aber ich glaube, sie sind dann doch am Ende etwas schockiert von meinen sehr expliziten sexuellen Aussagen, die ich über die Gesellschaft treffe. Also, die jungen Menschen in den Institutionen fühlen sich inspiriert, da habe ich schon gewisse Feedbacks bekommen. Die ältere Generation reagiert eher vorsichtig.

Wie geht Ihre Umwelt mit dem Begriff Tantra um?

Das kommt darauf an. Politiker und Künstler, die durch unsere Arbeit inspiriert wurden, waren scheu, sich damit in der Öffentlichkeit zu outen, drücken uns gegenüber jedoch deutlich Dankbarkeit aus: "Ihr habt meine Ehe gerettet. Denn was ich hier erlebt habe, diese Liebesfähigkeit, diese Fülle an sinnlichen und lustvollen Anregungen, das bringe ich mit nach Hause." Es ist ein schrittweises Sich-Befreien der Gesellschaft zu bemerken, hin zu einem aufgeschlosseneren Umgang mit dem Thema. Andere Menschen, vor allem wenn sie nicht prominent sind, erzählen zu Hause und im Freundeskreis offener von ihren Erfahrungen. Tantra ist für manche eine Versuchung, mit der sie gedanklich spielen, die sie aber gleichzeitig verunsichert. Ein Journalist hat mir in der Essenspause einer kulturellen Veranstaltung, zu der ich eingeladen war, die Hand gedrückt und gesagt: Ja, Herr Mann, ich komme dann auch mal bei Ihnen zum Tantra vorbei. Und dann schaute er verschämt zu dem Tisch zurück, an dem er gegessen hatte, um zu erfahren, ob seine Ehefrau zuhört. Meine Sichtweise vom Leben ist für viele Menschen sicherlich eine pure Provokation.

Ihre Tätigkeit schlägt ein wenig aus dem Rahmen Ihrer berühmten Familie. Sehen Sie trotzdem eine Verbindung, etwa zu Ihrem Großvater Heinrich?

Heinrich Mann (1871-1950), hier im Jahr 1931. - © Atelier Jacobi/ullstein bild
Heinrich Mann (1871-1950), hier im Jahr 1931. - © Atelier Jacobi/ullstein bild

Ich habe ihn selbst nicht kennengelernt, weil er 1950 gestorben ist, und ich bin 1956 geboren. Aber in seinen Büchern strotzt es vor Verehrung des Sexualaktes. Das wurde leider von den literarischen Institutionen, die ihn erforschen, nicht so in den Vordergrund gestellt. Mir wurde das klar, als ich "Professor Unrat", "Henri Quatre" und auch andere Bücher von ihm gelesen habe, etwa "Die Göttinnen", wo eine freie Frau beschrieben wird, die sich sexuell fließend durchs Leben bewegt und Männer wie Frauen liebt.

Was hat Sie daran inspiriert?

Vor allem die Vision einer sexuell freien Frau, die sich nicht von einer prüden patriarchal begründeten Sexualmoral in ihre Schranken weisen lässt, sondern ihre Lust und ihre Liebesgefühle selbstbestimmt auslebt. Der dreibändige Roman ist ein unglaublich opulentes Werk, 1902 geschrieben, in dem die Frau zum Schluss in ihrem Testament dafür plädiert, ihr Vermögen an wunderbare Inseln der Lust zu vermachen, wo Menschen beinahe ohne Sehnsucht vergessen dürfen, dass es eine Menschheit gibt, die leidet. Das sind die Träume eines jungen Autors, der angesteckt war von der Aufbruchstimmung der sexuellen Freiheiten der damaligen Zeit, vom Feminismus, vom Humanismus. Während einer Reise ins ökologische Paradies auf unserer Liebesinsel in Brasilien fühlte ich mich den Visionen meines Großvaters sehr verbunden. Es war wie ein Omen, wie ein Fingerzeig. Deswegen habe ich mein Buch ihm gewidmet, denn ich fand ihn mutig, er hat’s gewagt. Er hat als einer der Ersten gegen Hitler gewettert, in einer Zeit, in der andere noch sagten, vergiss diesen armen Irren, der wird uns nie gefährlich.