War Ihr Großvater offener als sein Bruder Thomas Mann?

Thomas Mann war mit Sicherheit verklemmter, das ist in den öffentlichen Medien immer wieder Gesprächsthema. Vielleicht mag er sprachlich noch etwas ausgefeilter gewesen sein als Heinrich, aber dafür fehlt mir bei ihm das Verehren bestimmter gesellschaftlicher Aspekte, wie zum Beispiel der Sexualität, welche er mit großer Skepsis betrachtet. Er verdrängte bekanntlich seine Homosexualität, wahrscheinlich aus Karrieregründen. Das wurde ja in seinen Tagebüchern deutlich. Er hat sich noch mit 70 Jahren in der Schweiz in einen jungen Kellner verliebt - und schreibt dann in sein Tagebuch sinngemäß Sätze wie: "Ach, die böse, böse Lust hat mich wieder übermannt, ich musste in meinem Bett masturbieren."

In Ihrer Familie waren es die Geschwister Klaus und Erika Mann, Kinder von Thomas Mann, die im Berlin der 20er und 30er Jahre ihre Sexualität sehr offen ausgelebt haben. Hat deren Haltung Ihren Umgang mit Sexualität beeinflusst?

Klaus hat ja Selbstmord begangen. Für mich war das zuerst ein abschreckendes Beispiel: Wenn man sich nicht in die bürgerlichen Normen der Sexualität einsperren lässt, wird man irgendwann auch daran scheitern, daran zerbrechen. Eine Orientierungshilfe habe ich eher in meinem Großvater Heinrich gefunden. Er bot mir einen Anker, der eine Tradition begründet, die ich fortführen möchte.

Wie sind Sie mit Ihrer Philosophie in der Familie aufgenommen worden?

Das kann ich nicht sagen, weil ich mit den Enkeln und Urenkeln der einzelnen Kinder, zum Beispiel von Thomas Mann, keinen Kontakt habe. Frido Mann, der einst auf unsere Mutter, meinen Bruder und mich zugegangen war, hat sich nicht direkt darüber geäußert. Dennoch empfand ich seinerzeit seine Geste als großzügig, weil Thomas Manns Familie meine Mutter, die Tochter seines Bruders Heinrich, eher gemieden hatte. Seinerzeit habe ich Elisabeth Mann sehr verehrt, eine der Töchter von Thomas Mann, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Meeresbiologin arbeitete und sich für den Naturschutz sehr stark einsetzte und Mitbegründerin des Club of Rome war.

Solche Familienangehörige wie auch ihre Schwester Monika haben mir imponiert. Ich besuchte sie noch auf Capri. Sie wurde ja vom Rest der Familie ein bisschen gemobbt, weil sie keinen standesgemäßen Mann geheiratet hat. Der Standesgemäße, den sie heiraten sollte, ist bei einem Schiffsunglück gestorben. Später dann hat sie einen Caprifischer geheiratet, und darüber war die restliche Familie not amused. Sie erzählte mir noch stolz: "Ich liebe ihn bis heute, und ich habe mich in seine türkisblauen Augen verliebt. Das war ausschlaggebend für mich und nicht der Stand der Familie". Als ich sie damals besuchte, konnte ich ihn noch kennen lernen.

In Ihrem Buch breiten Sie nicht nur Ihre Philosophie zu Tantra aus, ans Ende stellen Sie eigene Gedichte im Stil japanischer Haikus. Welches könnte Ihre Gedanken besonders gut wiedergeben?

Eine Poesie, die dem zärtlichen Weltfrieden gewidmet ist: "Lustvoller Krieger, lass mich deinen Mund mit Küssen bedecken, o Fühlender, o Edelgeborener. Lass uns im Rausch unserer Sinne vergessen, dass wir Krieg wollten."