Ein schönes Kapitel widmet sie der Flora und Fauna New Yorks. Vor allem letztere ist ihr ein Anliegen - und sie entkräftet das Vorurteil, dass die City eine Betonwüste ist. Ganz im Gegenteil, es gebe 70 Parks, Haustiere für Irre und Kakerlaken so groß wie Dackel (und dafür auch Kammerjäger, die man regelmäßig kommen lässt, "und schon haben Sie einen neuen Freund!").

Klar, ihre Liebe ist ironisch gebrochen, schließlich ist Roz hauptberuflich für Gags zuständig - und für ihre schrägen Pointen bekannt. Zum Beispiel, wenn sie darüber sinniert, dass selbst in New York manche Dinge sich einfach nicht ändern und nicht verschwinden. Da braucht sie nur ein wenig nachzulegen. Das Baugerüst, West 81st Street? "Wahrscheinlich 12. Jahrhundert." Und das Autowrack, Riverside Drive? "Radiokarbondatierung verweist auf die Jurazeit."

Geliebter Grand Central

Es gibt eine Zeichnung im Buch, die hat sie nicht, wie sonst für sie typisch, kindlich-krakelig angefertigt, sondern geradezu lyrisch impressionistisch: die wunderschöne Haupthalle des Grand Central Bahnhofs. Hier kommt sie an bei ihrer wöchentlichen Pendlerreise zu einem kleinen Apartment auf der Upper West Side, das sie sich dank des Erfolges ihres vorigen Buches leisten kann.

"Schatz", sieht man sie auf dem Bahnsteig sagen, "ich bin wieder zu Hause!" Der Grand Central ist ihr Lieblingsgebäude, auch weil er nicht abgerissen wurde, "weil hier ausnahmsweise mal das Gute gesiegt hat".

Alle Texte hat sie mit der Hand geschrieben, Tex Rubinowitz - ein Fan übrigens - hat sie kongenial gelettert und Marcus Gärtner idiomatisch elegant ins Deutsche übertragen. "You guys are listening to this dimwit, right?!?", sagt die Dame auf dem Met-Gemälde gar nicht höfisch, und auf Deutsch: "Leute, die dumme Nuss redet nur Müll!"

Roz Chasts nächstes Buch wird von Brooklyn handeln. Die alte Abneigung ist einem neuen Interesse gewichen, sie ist immer wieder auf Erkundungen drüben auf der anderen Seite des East River und wird dem Viertel wohl einen Brief voll Zuneigung widmen.

Der "Liebesbrief an New York" ist, wie gesagt, auch als Reiseführer zu gebrauchen. Es ist halt nicht alles von dem drin, was man üblicherweise erwartet - und auch das hat seinen Reiz. Zum Beispiel nichts über die Freiheitsstatue, weil Roz selber noch nicht dort war. Sie hat sich ins Buch gezeichnet als eine, die auch heute nicht hinwill. "Zu heiß", sagen die Gedankenblasen, "Zu kalt", "Könnte regnen", "Zu viele Touris", "Bin nicht in Statuenlaune".

Gute Reise!