Maria (l.) und Billy Blei, Tölz 1925. - © Wienbibliothek
Maria (l.) und Billy Blei, Tölz 1925. - © Wienbibliothek

Maria Blei war irritiert. Wie war es möglich, dass ein und dasselbe Babyfoto bei den Eltern größtes Entzücken, bei der Großmutter hingegen blanken Widerwillen auslöst? Am 28. Dezember 1897 schildert sie im Tagebuch, das sie für die damals neun Monate alte Tochter Sibylla führte, die Hintergründe. Es sei eine allerliebst gelungene Aufnahme der kleinen Billy gewesen, "ganz nackt auf Kissen und Teppichen am Boden liegend", die sie und ihr Mann Franz Blei der Großmama Lehmann, Maria Bleis Mutter, zu Weihnachten geschickt hätten.

Diese reagierte fast beleidigt, mit dem Hinweis, sie mögen ihr keine derartigen Bilder mehr schenken. An der Kleinigkeit einer Fotografie musste sich Maria Blei in Erinnerung rufen, wie sehr sie und ihr Mann sich von ihren streng katholischen Elternhäusern entfernt hatten: Beide waren sie einst Klosterschüler gewesen, nach drei Jahren "wilder Ehe" lag ihnen aber nichts daran, ihre standesamtliche Trauung auch kirchlich absegnen zu lassen, ebensowenig ließen sie die Tochter taufen. Der Großmutter war es aber von Glaubens wegen "verboten an der Körperschönheit Freude zu haben", womit sich Maria Blei die schroffe Reaktion auf das Nackerbatzl-Foto erklärte.

"Kleiner Satan"

Kennengelernt hatte sich das Paar in Zürich, wo Franz Blei (1871-1942) Nationalökonomie studierte und Maria Lehmann (1867-1943) am Beginn eines Medizinstudiums stand, das Frauen an der dortigen Universität seit den 1860er Jahren möglich war.

Tochter Billy kam am 22. März 1897 zur Welt, und zweieinhalb Wochen danach begann die Mutter mit dem Tagebuch, dem sie den lateinischen Titel "Mariae Sybillae Diarium" gab. Obwohl Maria Blei ihrer Tochter darin mitteilt, wie sehr Mutter und Vater "aus dem Rahmen des Gewöhnlichen, Althergebrachten, Bourg[e]oisleben herausgetreten" seien, schrieb sie sich mit Billys Diarium tief in die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ein, in der die Gattung der sogenannten Eltern- bzw. Müttertagebücher kultiviert wurde.

Jene Inhalte, die von der Textsorte mehr oder weniger vorgegeben werden, liefert auch Maria Blei, indem sie die körperliche, charakterliche und sprachliche Entwicklung ihres Kindes beschreibt. Immer wieder werden Gewicht und Größe, ernsthafte Krankheiten und Wehwehchen registriert. Die Charakterisierung des aufgeweckten Mädchens reicht vom beschönigenden "temperamentvoll" bis hin zu "kleiner Satan" ("störrisch und dumm dreist und unfolgsam"), der die Eltern mitunter verzweifeln lässt.