Es braucht eine Weile, bis man mit Michael Nasts neuem Roman warm wird. Aber dann wird die Story so heiß, dass sie einen überhaupt nicht mehr loslässt und man sie bis zum bitteren Ende verschlingt. Dass es kein Happy End geben wird, ist schon nach wenigen Seiten klar. Denn Nast nimmt den Ausgang vorweg, zumindest teilweise. Doch hier gilt tatsächlich: Der Weg ist das Ziel - und der Weg wird ein steiniger, alkoholgeschwängerter, partyberauschter, in dem eine Beziehung zu Bruch geht und vier Leben (in unterschiedlicher Intensität) mehr oder weniger zerstört werden.

Der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Vierecksbeziehung, die den Rahmen für das Drama bildet, ist Andreas Landwehr. Er steckt in der seiner Meinung nach schwierigsten Phase einer beginnenden Schriftstellerkarriere: Das Debüt war ein Bestseller, und jetzt wartet alle Welt gespannt auf sein zweites Buch. Aber Andreas steckt in einer Schreib- und Sinnkrise. Die Geschichte will sich nicht entwickeln, keine Idee lässt sich auf dem Papier so richtig ausbreiten. Da trifft ihn die Erkenntnis, dass nicht er, sondern das Leben seinen Roman schreiben muss, das echte, unverfälschte Leben, mit glaubwürdigen Charakteren und authentischen Ereignissen.

Also schreitet Andreas zur Tat und verbindet persönliche Gekränktheit mit beruflicher Skrupellosigkeit. Ein Paar und eine Ex-Geliebte, die jetzt Single ist, werden aufeinander losgelassen, mit erwartbarem Ausgang, zumal Andreas selbst vom Spielfeldrand aus inkognito mitmischt. Und so nimmt die Tragödie ihren Lauf, freilich mit vielen (für Andreas unvorhersehbaren) Wendungen, die dem Leser immer wieder Hoffnung machen, dass es doch noch anders kommen könnte.

Michael Nast beherrscht sein Handwerk als Geschichtenerzähler. Und er spart auch nicht mit schwarzem Humor, Ironie und Selbstkritik. Den Andreas Landwehr trifft Michael Nast und zieht auch über dessen Werk vom Leder. Nicht nur in diesen Passagen fragt man sich, wieviel von sich selbst Nast in seinen Protagonisten gepackt hat.

Gleichzeitig ist "#Egoland" auch eine gesellschaftliche Analyse: Nast zerrt die Generation WhatsApp (zu der er ja selbst auch gehört)  förmlich am Nasenring auf den Seziertisch, um sie dann literarisch auszuweiden. Attitüden wie das Aufschieben des Kinderkriegens bis zur Risikoschwangerschaft der Spätgebärenden legt er mit scharfem Skalpell ebenso frei wie die grundsätzliche Flucht vor Verantwortung für das eigene Leben einerseits und die Sehnsucht nach einer banalen Klischee-Existenz andererseits. Jede Seite trieft nur so von boshafter Kritik, aber auch von tiefgründigen, analytischen Gedanken dazu. Und in all ihrer Tragik haben Nasts Figuren auch ihre komischen und liebenswerten Seiten. Shakespeare hätte es nicht besser schreiben können.

Michael Nast: #Egoland
Edel; 432 Seiten; 18,50 Euro