Die Höhe der Beiträge der Arbeitgeber zur Unfall-Versicherung hingen von der konkreten Einstufung in eine "Gefahrenklasse" ab, die zu seinen Hauptaufgaben zählte. Als Vice-Sekretär unterstanden ihm 65 Bedienstete. Kafka, der sich bei Dienstreisen überfordert fühlte, nahm einen vermittelnden Standpunkt ein und versprach den Unternehmern, ihre Beschwerden an die zuständigen Leiter weiterzuleiten. Eine zu hohe Einstufung ging meist mit mangelnder Mitwirkung der Betroffenen Hand in Hand. Wer keine aktuellen Daten lieferte, musste mit einer amtlichen Schätzung rechnen, die selten zugunsten des Beitragsschuldners ausfiel.

Keine Landsturmpflicht

Die Kriegszeit brachte Kafka eine Erleichterung ein, die keineswegs selbstverständlich war. Lange bevor seine ernste Diagnose durch zwei Amtsärzte gestellt wurde, hatte die Anstalt Kafkas Freistellung von der Landsturmpflicht beantragt. Tatsächlich folgte das Militärkommando dem Antrag in unbefristeter Weise, obwohl Tätigkeiten wie die Betriebseinstufung, Vorträge über Unfallvorsorge und Erste Hilfe zwar plakativ klangen, aber im Lichte der Kriegsnotwendigkeiten kaum eine "Unentbehrlichkeit" des stellvertretenden Abteilungsleiters rechtfertigten.

Während sich Kafkas Literatenkollege Robert Musil als Landsturmhauptmann in Südtirol militärisch betätigte oder als Redakteur der "Tiroler Soldatenzeitung" fungierte und in Frontnähe ernsten Gefahren durch Granaten und "Fliegerpfeile" ausgesetzt war, konnte der Versicherungsbedienstete seinen Sechsstundentag weiterführen und das Nötigste für seine fragile Gesundheit tun. Seiner Psyche tat diese privilegierte Behandlung weniger gut und zeitweise betrieb Kafka sogar die Aufhebung der Relegierung vom Landsturm, aber zum Nutzen aller Beteiligten blieb seine Freistellung aufrecht.

Der Pazifist und private Hebräisch-Student Kafka hätte gewiss keine große Überlebenschance als Soldat gehabt, ganz abgesehen von der Folter der gemeinsamen Verrichtungen und der schmutzstarrenden Unterkünfte. So blieb Kafka bis zum letzten Kriegstag weiter im Dienst, die Ausrufung der tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober (die von der Nationalversammlung in Prag am 12. 11. 1918 bestätigt wurde) bekam er aber kaum mit, weil er seit Mitte Oktober an der Grippe laborierte und erst Anfang November wieder einen Brief an die Anstalt schreiben konnte, diesmal mit der Urlaubsbitte für einen Aufenthalt in Matliary, wo er seine letzte Verlobte Julie Wohryzek kennenlernen sollte.

Langer Dienstabschied

Wir wollen aber hier im dienstlichen Bereich verweilen und die letzte Phase von Kafkas langem, dienstlichem Abschied begleiten. Nach der Reform und personellen "Slawisierung" der Anstalt avancierte Kafka noch zum Sekretär und knapp vor seiner Pensionierung 1922 sogar zum Obersekretär, obwohl er den Dienst nicht mehr angetreten hatte, was eigentlich die Bedingung für die Beförderung gewesen war.

Wiederum zeigte sich die schützende Hand der Vorgesetzten, hinter der Kafka auch eine Geste an die deutschsprachigen Mitarbeiter witterte. Im dienstlichen Verkehr musste auch er ab 1919 Konzepte und amtliche Schreiben auf Tschechisch verfassen, unterstützt durch die heimliche Hilfe seines Schwagers Josef "Pepa" David, Ottlas Gatten. Legendär ist die Korrespondenz zwischen Kafka und "Pepa", in welcher er diesem für das perfekte Tschechisch dankt und bekannt gibt, dass er dem Direktor zuliebe noch ein paar kleine Fehler einbauen würde.

In seinem letzten "amtlichen" Schreiben vom März 1924 erwähnt Kafka, wiederum auf Tschechisch, dass er wegen der massiven Verschlechterung seines Gesundheitszustands vorhabe, mit seinem Onkel (dem mährischen Landarzt Dr. Siegfried Kafka) auf Lungenheilkur nach Davos zu fahren. Tatsächlich aber reiste Kafka mit Dora Diamant via Prag nach Pernitz ins Sanatorium "Wienerwald" bei Ortmann, wo sein letzter Leidensweg begann.

Da "Onkel" auf Tschechisch "strýc" heißt und Kafka das Wort appositionell benutzte, schrieb er handschriftlich "strycem". Dieses Zitat aus Kafkas letztem amtlichen Schreiben berührt den Autor dieser Zeilen persönlich, denn seither weiß er, wie sein Name in Kafkas Handschrift ausgesehen hätte . . .