Früher einmal war es ein beliebter Plot, warum Männer und Frauen nicht befreundet sein können, ohne dass Sex dazwischenfunkt. Heute lautet die Erzählung: Warum Hetero- und Homosexuelle keine Freunde sein können, ohne dass eine Genderdiskussion in die Quere kommt. Das wäre, zugespitzt, das Kernthema des Romans "Die Verwechslung" von Dietmar Krug. Dessen Hauptfigur, Talkshowmoderator Frank Theves, ist verheiratet mit einer Psychoanalytikerin, die ihm ungleich mehr Stütze ist als umgekehrt. Außerdem ist Theves der beste Freund der in eingetragener Partnerschaft lebenden Sozialarbeiterin Katrin.

Das hindert ihn nicht daran, in seiner Sendung die Frage zu stellen, ob die Modebranche knabenhafte Magermodels bevorzugt, um den Wunschvorstellungen der zahlreichen homosexuellen Modemacher gerecht zu werden. Theves wird für den Sager von einer Schwuleninitiative mit dem "Giftigen Kaktus für homophobe Äußerungen" ausgezeichnet. Der Privatsender, für den er arbeitet, widmet daraufhin noch mehr Sendungen dem kontroversen Thema. Im Zuge dessen spricht sich Theves gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare aus: Das Recht der Kinder auf Vater und Mutter wiege schwerer als der Kinderwunsch gleichgeschlechtlicher Partner.

Von der lesbischen Freundin wird Theves daraufhin geschnitten. Und ein Unbekannter stellt eine dubiose Homepage mit privaten Bildern des Moderators ins Netz, die den Verdacht nährt, Theves selbst könne homophil veranlagt sein und auch pädophile Neigungen haben. Die Quoten der Talkshow gehen durch die Decke, als die Genderforscherin Rebecca Sandorn (sie trägt Züge von Genderpäpstin Judith Butler) als Gast eingeladen werden will.

Durch die "Verwechslung" zieht sich noch eine Parallelhandlung: Frank Theves ist nicht nur erfolgreicher Moderator, sondern auch erfolgreicher Romanautor. Er hat ein Buch geschrieben über seine Kindheit und Jugend in Westdeutschland. Als Zögling eines von Priestern geführten Gymnasiums hat er homophile Übergriffe ebenso wie die brachiale Prügelpädagogik der 1960er Jahre erfahren. Einen der prügelnden Priester hat Theves im Buch beim Namen genannt, aber es ist der falsche Mann. Im Lauf der "Verwechslung" kommt die Geschichte des verwechselten Priesters allmählich ans Tageslicht.

Beide Handlungen - die des philosophisch gebildeten Talkmasters, der souverän Homosexualität und Genderfragen diskutiert, und jene des Romanautors, der sich an seine Jugend im "Pfaffenbunker" erinnert - laufen weitgehend pa-rallel und finden erst am Ende zueinander, ohne dass diese Engführung zwingend wäre. Auch das thematische Nebeneinander von pädagogischer Gewalt, Homophilie, Genderdiskussion und problematischer Pubertät geht nicht ganz auf. Spannend und gut zu lesen ist der Roman trotzdem, denn Dietmar Krug versteht es, Handlung und Reflexion, Gegenwärtiges und Erinnertes in eine Balance zu bringen. Was ihm noch gelingt: Aktuelle Themen, die ebenso sperrig wie heikel sind, auf eine Weise mit Argumenten für und wider abzuhandeln, dass man meint, der Protagonist mag zwar eitel, verkorkst und ein Egoist sein, den "Giftigen Kaktus" aber habe er nicht verdient.