Éric Vuillard, der 1968 in Lyon geborene Schriftsteller und Regisseur, ist ein Meister der historischen Miniatur. Alle seine Bücher sind literarische Anverwandlungen von Geschichte - des Ersten Weltkriegs, des Kolonialregimes im Kongo, der Eroberung des Wilden Westens und nun des Umgangs mit den Nationalsozialisten vor dem Krieg -, doch er macht daraus keine fiktionalen Episoden, sondern sucht faktengetreu, aber eben mit einem etwas anderen Blick nach dem, was von solchen oft nebensächlichen Ereignissen für die Nachwelt bleibt. Es ist ein ganz eigenes Genre, das Vuillard erfunden hat, nicht Sachbuch, nicht Dokufiction. Am ehesten wird seinen Büchern vermutlich das französische "récit" gerecht, Bericht.

Demütigende Komödie

Die titelgebende "Tagesordnung" ist die, welche die Nazis der österreichischen Regierung unter dem diktatorischen Kanzler Schuschnigg vor dem "Anschluss" 1938 diktieren. Vuillard zeigt den Einmarsch in Österreich und dessen Vorgeschichte als Farce, als demütigende Komödie, bei der Schuschnigg auf dem Berchtesgadener "Berghof" zum devoten Bittsteller degradiert wird, die deutschen Panzer schon bei Linz schlapp machen, woraufhin sie per Güterzug zum großen Spektakel nach Wien gebracht werden, und uns von der riesigen Menge auf dem Heldenplatz vor allem die Tonspur im Ohr bleibt, die in den Wochenschauen über die Bilder gelegt wurde.

Vuillards Szenen der Ergebung vor dem Feind sind wie Stills, gestochen scharfe Bilder, die aus dem Zeitstrom der Geschichte herausgenommen wurden, um sie auf ihren "Ewigkeitsgehalt" zu befragen. Dieses Unterfangen gerät nur ganz gelegentlich ein wenig zu didaktisch und moralisierend, und natürlich hätte Vuillard noch zahlreiche weitere Aspekte und Episoden hinzufügen können. Doch dieses mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete (und von Nicolas Denis wieder ausgezeichnet übersetzte) Buch reiht sich ein in Vuillards brillante Dekonstruk-tion der vermeintlichen abendländischen Werte.

Nirgendwo klaffen Ideal und Wirklichkeit stärker auseinander als im "Westen", und gerade deshalb sollte uns die Geschichte, in der die schlimmsten Katastrophen auf leisen Sohlen daherkommen, tatsächlich eine Lehre sein. "Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen." Nicht nur Davos lässt grüßen.