Als der Rezensent in diesem Buch nach der Lektüre nochmals herumblättert, um sich seines Eindrucks zu vergewissern, findet er plötzlich lauter Zitate. Etwa dieses: "Ob in Moskau, Petersburg oder der Provinz: Das Leben ist schrecklich (. . .) Und dann bricht der Tag an, und sie sind wieder da: die Vögel unter dem Himmel, das Federvieh, wilde Vögel, alle miteinander. Was auch eintritt, die Welt bricht nicht entzwei, so ist sie eingerichtet."

Von diesem Leben an den Sollbruchstellen, die es dann doch nicht sind (denn morgen geht es weiter, irgendwie) handeln Maxim Ossipows Geschichten. Manchmal passieren da ganz wilde Sachen; der Erzähler verschanzt sich, mit Mühe, hinter Gleichmut, Schicksalsergebenheit, auch Hoffnung, dass es manchmal vielleicht noch gut ausgehen könnte.

Ort der Handlung ist die russische Provinz, wo er auch lebt: in der kleinen Stadt Tarussa, als Kardiologe am örtlichen Krankenhaus. Tarussa, so weit habe ich mich fortgebildet, war zu Sowjetzeiten ein kulturell bedeutsamer Ort; eine ganze Anzahl von aus Moskau verbannten Schriftstellern und Intellektuellen ließ sich dort nieder, Konstantin Paustowski etwa oder Marina Zwetajewa. Moskau umfasste damals nämlich einen Radius von hundert Kilometern um die Stadt, und Tarussa liegt so knapp jenseits der Hundertermarke wie kein anderer Ort.

Das ist alles bedeutsam für Ossipows Erzähl-Netz, das er über die russische Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts wirft. Mir ging erst nach einiger Zeit auf, worin für mich das Bedeutsame dieser Prosa liegt, an der ich mich gleich festlas und nicht mehr aufhören konnte: Nach einem Jahrhundert der großen Schrecken, des permanenten Ausnahmezustands, der Kriege, Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Emigration lernen wir Leser nun wieder jenen russischen Normalzustand kennen, an den wir uns aus den Zeiten zwischen Puschkin und Tschechow gerade noch erinnern.

Der ist, hier von Mitteleuropa aus betrachtet, immer noch arg genug. Auf der jahrhundertelang abgelagerten russischen Misere liegt obendrauf noch eine spezielle Schicht, das Ergebnis des Sowjetkommunismus, der das Alte zerstörte, ohne etwas positives Neues an dessen Stelle zu setzen.

Übrigens: "Es gibt nichts Einfacheres, als über die Kirche zu schimpfen. Das ist wie über Dostojewski schimpfen: richtig, zweifellos richtig, aber es geht an der Sache vorbei, trifft nicht den Kern. Die Kirche ist ein Wunder, Dostojewski ist ein Wunder, und dass wir Russen am Leben sind, ist gleichfalls ein Wunder." Selbst wenn Sie (wie dieser Rezensent) von der Fülle der russischen Schrecknisse genug zu haben glauben und darüber nichts mehr lesen wollen, sollten Sie in diesem Fall eine Ausnahme machen.