Jakob ist anders. Jakob hört auf einen Raben, spricht mit den Kühen und fühlt den Regen herannahen. Er geht rückwärts, um zu "erleben, . . . ob Rückschritte es womöglich erlaubten, der Zeit zu entgehen" . Er "probiert" alle möglichen Gedanken aus, will begreifen, warum die Menschen einander so quälen, wo sie doch alle nur Liebe suchen. Jakob verabscheut jede Form von Niedertracht. Und wird er mit blanker Gewalt konfrontiert, rebelliert nicht nur sein Geist, sondern auch sein Körper: Jakob verfällt in einen Starrkrampf. Das widerfährt ihm nicht eben selten. Ihm, dem verlachten Dorftrottel, dem verknechteten Stiefsohn des Seifritz-Bauern.

Autor Thomas Sautner verortet seinen Romanzweitling "Milchblume" im fiktiven österreichischen Dorf Legg in den 1950er Jahre. Sowohl mit der Wahl eines bizarren Werktitels als auch mit dem Stoff schließt Sautner an seinen Debütroman "Fuchserde" (2006) an. Das Geleitwort in die Welt der "Milchblume" entlehnt er Mark Twain: "Explore. Dream. Discover" . Losungen dieser Art fallen auf fruchtbaren Boden, wo für unkonventionelle Lebensgestaltung wenig Raum bleibt. Das Twain´sche Motto "Erforsche. Träume. Entdecke" könnte auch gut einem Selbstfindungsworkshop entlehnt sein. Oder aber dem Schatz "jenischer" Lebensweisheiten.

Die Jenischen sind eine nomadisierende, in Familienverbänden organisierte Ethnie mit eigenem Idiom. Ihr Lebensraum ist Europa, ihr Berufsspektrum das der fahrenden Völker, ihre Herkunft bis heute nicht ganz geklärt. Mit dieser Volksgruppe hat sich der Waldviertler Schriftsteller und Historiker Thomas Sautner befasst. In seinem Roman "Milchblume" thematisiert er etwa die dereinst in Österreich und der Schweiz gepflogene Praxis staatlicher Kindeswegnahme - zwecks gesellschaftskonformer Sozialisierung des jenischen Nachwuchses.

Wie zuvor schon in "Fuchserde", stilisiert Sautner die naturverbundenen, friedlich-anarchistischen Jenischen zum humanen Gegenmodell einer rohen Gesellschaft: Jahr für Jahr macht Fabios Sippe auf dem Seifritz-Hof Station, überwintert dort im Planwagen und geht den Bauersleuten zur Hand.

Die "Zigeuner" bringen Bewegung in das dumpfe Legg. Sie bieten vielerlei Krimskrams feil und erzählen die unglaublichsten Geschichten. Sie wissen die Karten zu lesen und mit den Mitteln der Natur zu heilen. Daran erinnert sich Jakob allzu gut. Er war noch ein Kind gewesen, sein Fieber lebensbedrohlich hoch. Weil aber "Unkraut" bekanntlich nicht vergeht, hatte der Seifritz-Bauer keinen Arzt gerufen. Da kam Fabio und rettete dem Kleinen das Leben. Mit der "Milchblume".

Sogleich fühlt das Kind, dass sein Beschützer und künftiger Lehrmeister "mehr vom Leben weiß und kennt als das, was zwischen Erde und Himmel für jedermann zu sehen ist" . Und was es in Legg zu sehen gibt, ist wenig erbaulich: In diesem Mikrokosmos tummeln sich Pharisäer und Gewalttäter, Betrüger, Verleumder und Perverse. Jakob durchschaut sie alle. Er verkörpert einen literarischen Zwitter, eine Kreuzung aus weisem Narren und reinem Tor. Die Rolle des Außenseiters schärft seinen Blick auf die Welt, den unbeirrbaren Glauben an das Gute aber trübt sie nicht. Demütig nimmt Jakob Spott und Hiebe hin.

Der Grat zwischen wahrer Einfalt und geheuchelter Beschränktheit scheint schmal. So kreativ Jakob seine "Narrenfreiheit" (etwa beim Kartenspiel im Dorfgasthaus) einsetzt, so ratlos erweist er sich in Sachen Liebe. Doch an Gurus für alle Lebenslagen herrscht kein Mangel: Sippenchef Fabio agiert als Para-Freud ( "Du hast eine tiefe Abscheu vor Gewalt . . . die ihren Ursprung in deinem Inneren, in deiner Vergangenheit hat" ), die Seifritz-Großeltern sondern Bauernregeln gleich Orakelsprüchen ab.

Sautners "Milchblume" besticht durch die - in der Figur des Sonderlings Jakob angelegte - Gesellschaftskritik. Auch der krude (durch Groteske und Ironie relativierte) Realismus überzeugt. Die Litanei an Leitsprüchen und para-psychoanalytischen Statements aber klingt doch nach neuheidnisch-zeitgeistiger "Lebenshilfe."

Buchpräsentation: 5. September, Volkskundemuseum, 1080 Wien, Laudongasse 19, 19.30 Uhr.
Sautner, Thomas: Milchblume. Roman. Picus Verlag, Wien 2007, 205 Seiten, 19,90 Euro.