Philadelphia in den 1980ern: Amaterasu Takahashi hat alles, was ihr im Leben lieb und teuer war, verloren - ihre Tochter Yuko und ihr Enkel Hideo sind beim Atombombenabwurf auf Nagasaki ums Leben gekommen, ihr Ehemann Kenzo ist Jahrzehnte später im freiwilligen US-Exil nach einer schweren Krankheit gestorben. Mit ihm hatte sie einst Japan nach dem Pikadon (wie die Japaner die Atombombe nennen) verlassen, um alles, was sie an ihre schwere Schuld erinnerte, hinter sich zu lassen - sie ist nämlich überzeugt davon, dass ihre Tochter wegen ihr zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Und plötzlich steht ein entstellter Mittvierziger vor ihrer Tür und behauptet, er wäre Hideo - adoptiert und aufgezogen ausgerechnet von jenem einstigen Jugendfreund Kenzos, der einst mit Yuko vor deren Heirat eine außereheliche Affäre hatte und Amaterasus Familie damit fast ins Unglück stürzte. Entsprechend schwer fällt es der Großmutter, daran zu glauben, dass ihr Enkel wider alle vernünftigen Gründe doch überlebt haben soll. Doch nach und nach lässt sie sich auf ihre eigene Vergangenheit ein und setzt sich nun doch mit dem auseinander, vor dem sie einst geflüchtet ist und das sie jahrelang in ihrem Innersten vergraben hat. Dabei kommen auch Erinnerungen an eigene Jugendsünden zutage.

Jackie Copleton erzählt in ihrem sehr prosaischen Roman die Geschichte einer japanischen Familie und wie sie mit dem wohl größten Unheil in der Geschichte ihrer Heimat umgegangen ist. Gespickt mit erklärenden Einschüben zur japanischen Gesellschaft und Mentalität. Beim Lesen sollte man freilich vom hohen ethischen und moralischen mitteleuropäischen Ross herabsteigen und sich auf diese uns so fremde Kultur einlassen.

Jackie Copleton: Die Farbe von Winterkirschen
Limes Verlag; 320 Seiten; 20,60 Euro