Der Flaneur hat es nicht leicht in der Großstadt des 21. Jahrhunderts. Statt unter verträumten Arkaden muss er durch gestylte Konsumtempel schlendern, die Nachverdichtung füllt noch die letzten Brachflächen mit öder Einheitsarchitektur, und an die Stelle individueller Läden treten die immergleichen Filialen irgendwelcher Ketten. Nirgendwo lässt sich diese Veränderung derzeit eindrücklicher beobachten als in Berlin. Gentrifizierung, Kommerzialisierung, Touristifizierung - dieser Dreiklang verdrängt den flanierenden Beobachter in Bezirke wie den Wedding oder Schöneberg. Denn andernsorts macht das Schlendern der Shopper "die Langsamkeit vulgär", verwandeln partysüchtige Hipster das Alltagsleben in einen Albtraum und besetzen SUV fahrende, Barbour-Jacken tragende Neureiche die Tische vor angesagten Cafés.

Wem diese Entwicklung nicht gefällt und wer sie nicht mit kapitalismuskritischer Wut, sondern mit zarter, mitunter böser Ironie beschrieben wissen will, der sollte sich mit dem Ich in Leander Steinkopfs literarischem Debüt ziellos und "gleichgültig" durch die deutsche Hauptstadt treiben lassen. Sein Lebensmotto: "Und noch an jedem Tag, an dem ich Großes vorhatte, habe ich es gleich am Morgen sein gelassen."Und so zieht er durch eine Stadt, in der reichlich "Untätige" unterwegs sind und "ihre Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist". Steinkopf, der im noch flanierfeindlicheren München lebt, erweist sich als grandioser Beobachter der kleinen Dinge, als feinsinnig-gnadenloser Menschenanalysierer und als begnadeter Stilist: "Niveauvolle Kleidung und eine Meinung, derer man sich sicher ist, das ist die Oberfläche eines gelingenden Lebens." Sätze wie diese findet man zuhauf in diesem Büchlein, das mit seinem romantischen Grundton, seiner unprätentiösen Sympathie für Discounter-Kassiererinnen und andere "kleine Leute" zu begeistern weiß. Mehr davon, bitte!