Kluge Intervention: Raoul Schrott. - © Peter-Andreas Hassiepen
Kluge Intervention: Raoul Schrott. - © Peter-Andreas Hassiepen

Raoul Schrott, das Universalgenie aus Landau, beherrscht nicht nur die lange Form. Zumal wenn man an sein 2016 erschienenes Großwerk "Erste Erde" denkt, begreift man, dass Schrott ein Autor mit langem Atem ist. Und das ist gut so, denn immerhin handelt es sich um eines der bedeutendsten Bücher der letzten Jahre: ein großangelegter Versuch, die Natur und ihre gewaltige Geschichte mit den Mitteln der Literatur zu begreifen, indem man das ungleichgewichtige Verhältnis des Menschen zur Naturhistorie bestimmt.

Eine literarische Probe, ob man die ganze Geschichte der Welt vom Urknall bis zum heutigen Punkt - an dem wir in zahllosen Irrwegen gefangen sind - ohne Metaphysik und Religion literarisch erklären kann.

Mythen-Zerstörer

Sein neuer Essayband, "Politiken & Ideen", enthält drei kurze und einen langen Essay, in denen Schrott ein konkretes Problem zu klären versucht, nämlich den unseligen Aufschwung rechter und rechtspopulistischer Positionen und deren Erfolg im politischen Betrieb der deutschsprachigen Länder. Seine eleganten Texte zerstören die Mythen, auf denen rechte Denkweisen fußen, also etwa die Vorstellung fixer Grenzen zwischen Staaten (die bewacht und befestigt werden sollen) oder der Homogenität von Nationen (die es zu schützen gilt gegen Eindringlinge).

In kenntnisreichen Ausführungen zeigt Schrott, wie beliebig solche Einteilungen und Festlegungen sind. Ebenso widerlegt er die falschen Erzählungen der Identitätspolitiken, die auf Kategorien wie Muttersprache, Religion oder genetischer Abstammung fußen: "Dass für eine Staatsangehörigkeit - ob in Deutschland, Österreich oder der Schweiz - die Herkunft immer noch für grundlegend erklärt wird, beruht auf einer mehr als vorsintflutlichen Vorstellung dessen, was ein Volk ist und heißt letztendlich, weiterhin rassistisch zu denken."

Vielmehr zeigt Raoul Schrott auf, in welcher Weise seit jeher Wanderungsbewegungen nicht nur die Zusammensetzung aller europäischen Populationen beständig verändert haben und wie wichtig, ja grundlegend dies gerade auch auf lange Frist in ökonomischer und kultureller Hinsicht ist. Immerhin sind etwa die Schrift und das Zahlensystem, die die Basis unserer Kultur bilden, keineswegs eigene Erfindungen der Europäer, sondern Fremd-
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Faszinierend sind Schrotts Ausführungen im Essay zur "Politik des Heiligen". Dort skizziert er erst kulturhistorisch die Genese der Idee des Heiligen, um dann zu zeigen, wie und warum alle Formen des Nationalismus dieses Konzept für ihre politischen Zwecke missbrauchen: Kollektive Identität wird erst künstlich konstruiert und dann mit dem Sakralen metaphysisch verbrämt zu einer unantastbaren Einheit. Dass dergleichen Mechanismen nicht für aktuelle Entwicklungen gelten, in denen konservative Politiker eine christliche kulturelle Fundierung unserer Gemeinwesen behaupten, sondern leider eine fast universelle Gültigkeit besitzen, zeigt Schrott, wenn er hervorhebt, dass "das Kalifat des IS, der Iran oder Israel nicht aufhören, auf jeweils eigene Weise vorzuführen, dass Glaube kein Fundament für ein funktionierendes Staatsgebilde ist".

Der Blick von Schrott gilt stets dem Ganzen, und das macht seinen Essayband nicht nur augenöffnend, sondern lässt ihn - jenseits billiger linksliberaler Denkschemata - Wesentliches über die Misere aussagen, in der nahezu alle westlichen Gesellschaften derzeit stecken. Dagegen hilft, leider, nur die Waffe der Aufklärung. "Politiken & Ideen" ist Raoul Schrotts kluge Intervention in die politischen Debatten unserer Zeit.