Schon immer hatte der ostdeutsche Schriftsteller Rolf Schneider ein Faible für Wien und die österreichische Kultur. Seinen neuen Roman, "Ebereschenfeuer", lässt er in Innsbruck beginnen und teilweise in Wien spielen. Dort lebt seine Protagonistin, die in Tirol Professorin für Kunstgeschichte war und nun von einer Erbschaft überrascht wird, die ihr der verstorbene Vater, ein DDR-Architekt, vermacht hat. Die Deutsche wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Sie macht sich nach Berlin auf und bezieht ein Sommerhaus an der Ostsee. Als uneheliches Kind weiß sie wenig über die Karriere ihres Vaters im Arbeiter- und Bauernstaat. Vor allem die Aufzeichnungen ihrer Stiefmutter Leonie, die einst unschuldig im Straflager am Polarkreis schuften musste und dennoch unerschütterlich am kommunistischen System festhielt, erschüttern sie. "Wer die Partei aufgibt, ruiniert sein Leben. Ich hätte nicht gewusst, was sonst tun", liest sie, aber auch: "Manchmal komme ich mir vor wie das Relikt einer unwirklichen Vergangenheit". Die Bilanz eines abgewirtschafteten Systems, das durch kalte Geldherrschaft ersetzt wurde, fällt bitter aus.

Schneiders nüchterner Protokollstil ist stilsicher und frisch. Altherrenprosa sieht anders aus. Der Titel "Ebereschenfeuer" entstammt einem Gedicht von Segej Jessenin, der im neuen Sowjetreich im Jahr 1925 Suizid begangen hatte.

Vor Fehlern ist auch der Wien-Kenner Rolf Schneider nicht gefeit. In Wien befindet sich die Ungargasse, die im Buch genannte Ungergasse ist in Graz. Und "die Schlachtungen und Blutorgien des Aktionskünstlers Otto Muehl" sind in Wahrheit jene von Hermann Nitsch.