Geovani Martins wohnt in Vidigal, einer Favela Rios. - © Farmbauer
Geovani Martins wohnt in Vidigal, einer Favela Rios. - © Farmbauer

Die Companhia das Letras, einer der größten brasilianischen Verlage mit Sitz in São Paulo, hat "O Sol na Cabeça" (dt. Die Sonne auf dem Kopf), eine Auswahl von 13 Erzählungen, herausgebracht. Noch ehe das Werk in Brasilien in die Buchhandlungen kam, waren die Rechte daran bereits an Verlage in neun Ländern weltweit verkauft, darunter auch an Suhrkamp (noch kein Veröffentlichungstermin).

Auch die Filmrechte sind schon vergeben. Und als Geovani Martins’ Buch schließlich erschien, rezensierten es die drei großen brasilianischen Zeitungen "Folha de S. Paulo", "Estado de S. Paulo" und "O Globo" noch am selben Tag - was nicht nur die Macht der Companhia zeigt, sondern auch die Bedeutung von Martins. Geovani Martins, 26, Bewohner des Vidigal, einer Favela in der Südzone Rio de Janeiros, ist das neue Phänomen der brasilianischen Literatur.

Für jemanden, dessen Leben in den zurückliegenden Monaten derart an Fahrt aufgenommen hat, legt Martins beim Gespräch in seinem Apartment im Vidigal eine geradezu unglaubliche Sicherheit an den Tag. Bei der "Festa Literaria Internacional de Paraty" (FLIP, Internationales Literaturfestival von Paraty) im Juli vergangenen Jahres hatte er den Schriftsteller Antonio Prata kennengelernt, der Martns’ mächtige Erzählungen wiederum der Companhia das Letras empfahl. "Die narrativen Fähigkeiten des Schriftstellers, der mit lebendigen Farben, Figuren und Stimmungen malt, ohne die Spannung und den Fokus auf die Handlung zu verlieren, haben meine Aufmerksamkeit geweckt", sagt Prata.

Neuer Blick auf Favelas

Geovani Martins spielt angesichts von so viel Begeisterung mit seinen langen Locken und schmunzelt. Von seinem Wohnzimmer aus sieht man das Ocker der Favela-Hügel und das Blau des Atlantischen Ozeans. Martins bietet in "O Sol na Cabeça" einerseits einen ungewohnten Blick auf dieses Universum, auf Gewalt und auf Drogen. "Was mich am meisten stört, ist so zu tun, als ob das nur in den Favelas existiert und so Schranken zu schaffen. Man weiß, dass Drogenhandel, Drogenkonsum und Mord an jedem Ort der Welt vorkommen." Auf der anderen Seite geht es in dem Buch auch um freundschaftliche und familiäre, also um zwischenmenschliche Beziehungen.

Die Mehrheit der Figuren stammen aber aus der Favela, die meisten Erzählungen sind in diesem Umfeld angesiedelt. "O Sol na Cabeça" ist ein Buch über das, was passieren kann, etwa wenn der Strand in Rio voll ist wie in der Geschichte "Rolezim" (dt. etwa: einmal um den Block), die den Band eröffnet, oder wenn ein Kind mit einer Waffe spielt wie in "Ruleta-russa". Und den Figuren ist bewusst, dass sie sich in diesen Situationen befinden. "Wenn man auf die Straße geht und weiß, dass man einen Schuss abbekommen kann, dann wird dieser Gang angespannt. Und dann wird das schon zu einer Geschichte, weil das unser Denken verändert, wir anders reagieren."

Die Hautfarbe seiner Figuren nennt Geovani Martins nicht, um den Leser zum Denken zu bewegen, aus welchem Grund der sie sich wohl schwarz vorstellt. Und auch sonst hat Martins’ Lebenswirklichkeit Eingang gefunden. Etwa wenn er den Hass und die Traurigkeit beschreibt, welche ein schwarzer Junge fühlt, weil ein Mann an einer Bushaltestelle ihm mit Angst (vor einem Überfall) begegnet. Gefühle, die Geovani Martins gut kennt.

Martins hatte denn auch bei einer Buchpräsentation in der Livraria da Travessa im Shopping Leblon nicht gleich die Frage des Moderators verstanden, ob er dieses Misstrauen selbst auch angenommen habe, etwa die Straßenseite wechsle, wie es einem in Rio empfohlen wird, wenn eine Gruppe schwarzer Jugendlicher auf einen zukommt. "Das war eine prägende Situation in meinem Leben", antwortete Martins. "Ich hatte gerade die erste Rate für die Filmrechte an meinem Buch bekommen, fühlte mich wie ein Millionär. Da habe ich jemanden auf der Straße angesprochen, um eine Information zu bekommen. Und der sagt: ‚Ich habe kein Geld.‘"

Martins spielt mit den Kontrasten Rios: Da hat er als Bewohner der Favela Erfolg und die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg - und stößt dennoch an Grenzen, die schwierig zu überschreiten sind. Moderatoren und Journalisten geben sich im Gespräch mit Martins und in der Berichterstattung über ihn alle Mühe, darauf zu achten, was und wie sie etwas sagen oder schreiben. Dennoch (oder gerade deshalb) kommen rund um "O Sol na Cabeça" sämtliche Konzepte und Vorurteile zum Vorschein, die man sich in Bezug auf Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Hügel und Asphalt in Rio de Janeiro vorstellen kann.

"Voreingenommenheit gegenüber Sprache ist eine der stärksten Formen des Rassismus, die es im Land gibt. Wenn man hört, wie eine Person spricht, wird sie einem Ort, einem Umfeld zugeordnet", sagt Martins. "Aussprache und Wortwahl geben nicht nur schnell Hinweise darauf, aus welcher Region in Brasilien jemand kommt. Sondern auch, zu welcher Schicht sie oder er gehört."

Sogar in den Favelas der Regionen Rios hat Martins Unterschiede festgestellt: "Ich bewege mich in der Stadt, kenne viele Viertel, spreche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Und ich habe das Talent, nach zehn Minuten schon so zu sprechen wie die Person, mit der ich mich unterhalte. In der Stadt gibt es so viele unterschiedliche Arten, das Gleiche zu sagen. Das hat mein Interesse geweckt. Und ich wollte, dass diese verschiedenen Arten, die portugiesische Sprache zu sprechen, in das Buch einfließen."

"O Sol na Cabeça" beginnt sehr umgangssprachlich. Wer hier etwas nicht versteht, wird es auch im Wörterbuch nicht finden. Er muss, wie Geovani Martins, mit den Leuten sprechen. Aber dann wechselt das Buch in die Hochsprache - sie hat die Favela-Bewohner durch Streamingdienste wie Netflix oder Fernsehsender wie TV Globo längst erreicht. "Sie kann nicht nicht vorkommen. Ich glaube, wenn ich nur Umgangssprache benutzt hätte, hätte ich noch viel mehr beeindrucken können. Aber das hätte nicht mehr viel mit der Realität zu tun."

Gebrauch von Sprache

Bei der Buchvorstellung in der Livraria da Travessa im Leblon, einem der nobelsten Viertel Rio de Janeiros, hatte sich eine Diskussion über den politisch korrekten, ja vielleicht sogar übermäßig korrekten Gebrauch von Sprache entsponnen. So haben die Bewohner des Asphalts - im Gegensatz zu jenen des Hügels - gewisse Vorbehalte, "Favela" zu sagen.

Politisch korrekt ist "Comunidade". Diejenigen, die dort wohnen, benutzen jedoch den Begriff "Favela". Auf die Frage, ob er in einer Favela oder in einer Comunidade wohne, sagte Martins: "Ich wohne in einer Favela. Zu einer Comunidade gehören wir alle." Seine Figuren sind nicht politisch, Geovani Martins und sein Schreiben aber sind es eindeutig.

Er erntete hierauf Johlen und Applaus. Die Stimmung unterschied sich von der bei anderen Buchvorstellungen in der "Travessa". Das Publikum, sonst eher gesetzt und verhalten, war überwiegend jung und lebhaft. Junge Männer mit einer Lebensgeschichte wie jener Martins - er wurde in Bangu in der Westzone Rios als Sohn einer Köchin und eines Amateurfußballers geboren und wohnte im Alter von elf Jahren zum ersten Mal im Vidigal - werden in Brasilien für gewöhnlich nicht Schriftsteller. Sie fangen wie er früh an zu arbeiten, verteilen Werbezettel, liefern Essen aus. Vielleicht geraten sie auch in den Drogenhandel, verfallen der Gewalt. Wenn sie Glück haben, bringen der Fußball oder die Musik sie aus der Favela.

Geovani Martins absolvierte nur die Grundschule. Die fehlende traditionelle Bildung glich er mit Sensibilität und Neugier aus, wobei ihm die Sonne (wie den Figuren in "Roleta-russa") bisweilen buchstäblich auf den Kopf schien: Einer seiner Jobs bestand darin, das Plakat eines Politikers mit dem Fahrrad die Copacabana rauf und runter zu fahren. Bis die Partei das in der tropischen Hitze Rios irgendwann für beschwerlich hielt - und ihn auf ein Plakat neben einer Metrostation aufpassen ließ. So hatte er acht Stunden am Tag Zeit, zu lesen.

Der Weg vom passionierten Leser zum erfolgreichen Schriftsteller war jedoch ähnlich beschwerlich wie der mit dem Fahrrad die Copacabana rauf und runter. Geovani Martins hatte schon Kurzgeschichten und an einem Roman geschrieben, hatte außer an der FLIP auch an der FLUP, dem Literaturfestival der Peripherien, und an Literaturwettbewerben wie jenem der Biblioteca Parque da Rocinha teilgenommen, als er seine Mutter bat, wieder bei ihr wohnen zu dürfen. Er sagte: "Mama, ich möchte ein Buch schreiben, das es mir erlaubt, vom Schreiben zu leben. Aber so wie ich arbeite, kann ich das nicht schreiben."

In den folgenden zwei Jahren erlegte Martins sich eine nahezu klösterliche Routine auf. Er schrieb zwischen sechs und acht Stunden am Tag, von Montag bis Freitag. Am Wochenende versuchte er sich abzulenken. "Aber ehrlich gesagt habe ich einen großen Teil der Zeit damit verbracht, mir mögliche Geschichten auszudenken, Figuren zu entwickeln, Sätze zu formen, ein Wort durch das andere zu ersetzen. Ich habe gelernt, dass Worte nicht dazu da sind, um auszuschmücken, sondern um etwas auszudrücken."

Schleifprozess

Geovani Martins schreibt, ebenfalls aus der Not geboren, am liebsten auf seiner Schreibmaschine. Seine Arbeitsweise ist sogar noch archaischer, denn er notiert zuerst mit der Hand in ein Spiralheft, dann tippt er auf der Schreibmaschine und schließlich in den Computer. "Ich habe entdeckt, dass ich beim Übertragen Details hinzufüge oder andere weglasse. Das ist ein Schleifprozess, der mein Schreiben dem, was ich für ideal halte, am nächsten bringt."

Neben der Tür, über der Kommode mit der Schreibmaschine, hängt ein Foto von Gabriel García-Marquez. Während die meisten zeitgenössischen brasilianischen und lateinamerikanischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller versuchen, sich vom "Magischen Realismus" zu distanzieren, sagt Martins: "Ich halte ihn (García-Márquez) für eine gute Referenz." Martins’ Erzählungen sind an den crónicas geschult, kurzen erzählerischen, journalistischen Texten, die in Lateinamerika weit verbreitet sind - und die Gárcia-Marquez meisterhaft beherrschte. Viele der großen Romane des kolumbianischen Autors, der auch als Journalist gearbeitet hatte, sind daraus entstanden.

Geovani Martins schreibt ebenfalls an einem Roman; nun, da er die Ruhe wiedergefunden hat. Denn er hat bereits auch die negative Seite der Popularität erfahren. Vier Monate hat er zuletzt nicht geschrieben, so vielbeschäftigt war er mit Terminen, so viel ist ihm im Kopf herumgegangen.

"Ich bin schüchtern", sagt Martins. "Deshalb ist es auf eine gewisse Art und Weise ein Schock von zwei Realitäten gewesen. Ich war zwei Jahre zu Hause, schrieb dieses Buch und verließ das Haus nur an Wochenenden." Und dann verkauft sich dieses Buch gut, er bekommt eine große Präsenz in den Medien. Größer als sonst beim Erstlingswerk eines brasilianischen Autors.

Aber er kann und will sich auch nicht beschweren über die Aufmerksamkeit für das Buch und die Zuneigung der Leute. Auf die Frage, wie seiner Einschätzung nach "O Sol na Cabeça" mit diesem eigenen Universum und der speziellen Sprache etwa in Deutschland, Österreich und der Schweiz ankommen werde, meint Geovani Martins scherzend: "Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde ein Glossar mitschicken."