Um Wahrheit geht es Auster auch in seinem monumentalen Roman "4321", in dem eine Geschichte aus dem "Roten Notizbuch" eine zentrale Rolle spielt. Auster erzählt in "4321", ganz nahe an seiner eigenen Biographie entlang, getreu gesicherter geschichtlicher Fakten - Studentenaufstände, Rassenunruhen,
Vietnamkrieg - detailliert das Lebens eines jungen Mannes namens Archibald Ferguson, der Schriftsteller werden will. Und er erzählt dieses Leben nicht nur einmal, sondern, so wie Kurosawa in "Rashomon", in vier vollständigen Varianten.

Wobei man als Leser rasch vor dem Rätsel steht: Welche Variante stimmt mit der "Wahrheit" - mit der Biographie von Paul Auster - überein? Im Verlauf der 1259 Seiten scheiden scheinbar drei Varianten aus, es bleibt am Ende nur eine mögliche übrig. Aber auch die kann nicht ganz stimmen - weil sie von dem abweicht, was Auster im "Roten Notizbuch" über sich und den vom Blitz erschlagenen Jungen erzählt hat.

Entspricht also gar keine der vier Varianten der Wahrheit? Ist Auster durch die sich widersprechenden Erzählungen in "4321" und im "Roten Notizbuch" einer Lüge überführt? Oder hat er sich nur die Freiheit eines Romanautors genommen, und die Wahrheit über sich selbst und über die Welt, so wie er sie sieht, auf alle vier Varianten verteilt?

Man darf getrost davon ausgehen, dass Letzteres der Fall ist. Gemeinsam ist allen vier Fergusons jedenfalls das Geburtsdatum: der 3. März 1947. Und Auster wurde am 3. Februar 1947 geboren. Wer würde so plump lügen? Ein weitaus interessanteres Detail ist, dass Fergusons Eltern, Rose und Stanley, nur deshalb zueinander finden, weil zuvor ein Mann namens David Raskin, der die große Liebe von Rose war, schon früh aus seinem jungen Leben gerissen wurde.

Wäre David nicht gestorben, daran lässt Auster keinen Zweifel, hätte Archibald Ferguson nie das Licht der Welt erblickt. Bei Auster ist dieser Zufall keine Nebensache, die ausgeblendet werden könnte, sondern die Wurzel seiner realistischen Sicht auf die Welt und auf das konkrete Leben seines Protagonisten. Der früh verblichene David Raskin spielt in "4321" eine ähnlich tragende Rolle wie der früh verblichene Michael Furey in James Joyces berühmter Erzählung "Die Toten".

Uferloses Universum

"Auf der Welt wimmelt es. Alles ist möglich", meinte der philosophische Musiker John Cage. Das ist ganz offenbar auch Paul Austers Credo. Und wohl darum hat er eine auch für sehr geübte Leser unüberschaubare Fülle in "4321" hinein gestopft. Zum Glück dabei nie vergessend, dass zwar alles möglich, aber nicht alles gleich wahrscheinlich ist. Genau deshalb hat er auch seinen Protagonisten zwar viermal zur Welt gebracht, aber dafür gesorgt, dass ansonsten alles an ihm und am Amerika der 50er und 60er Jahre, in dem er aufwächst, vollkommen realistisch ist.

Unter tausenden anderen ist die Spur einer Quelle im breiten und schnell dahinfließenden Strom der Erzählungen jedenfalls deutlich auszumachen: jene des "Roten Notizbuchs", dessen wahre Geschichten in "4321", im wahrsten Sinne des Wortes, endlos fortgesetzt und variiert werden. "Das rote Notizbuch" ist aber mehr als bloß eine Orientierungshilfe im uferlosen Universum von Paul Auster. Es ist ein zeitloses Buch, das, so wie die "Dubliners" neben dem "Ulysses", auch für sich alleine sehr gut dasteht. Eines, das eindrucksvoll zeigt, dass nicht nur Jungen, sondern auch Irrtümer wachsen und groß werden können. Paul Auster, der vor der Wahrheit den größten Respekt hat, deckt darin raffiniert auf, was alles an Unerfreulichem und Ungeheuerlichem in der Welt steckt. Aber er belässt der Welt, dank seiner Erzählkunst, ihren Glanz und Zauber.