Peter Rosner, geboren 1948, war Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien.Er publiziert zur Sozialpolitik und Geschichte ökonomischer Theorie.
Peter Rosner, geboren 1948, war Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien.Er publiziert zur Sozialpolitik und Geschichte ökonomischer Theorie.

Die in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Bedeutung von Finanzmärkten ruft wohl zurecht Beunruhigung hervor. Die durch die Finanzkrise 2008 bedingten wirtschaftlichen und sozialen Probleme zeigen das. Stephan Schulmeister forscht seit langem über die Konsequenzen. In seinem neuen Buch, "Der Weg zur Prosperität", legt er seine Ergebnisse dazu dar. Es geht nicht nur um die Krise, sondern um die langfristige Entwicklung seit 1970.

Schulmeisters These: Die Finanzmärkte ermöglichen es den Unternehmen, höhere Gewinne durch spekulative Veranlagungen zu erzielen als durch reale Investitionen. Das senkt das reale Kapital und damit die Anzahl der Arbeitsplätze. Die Einkommen sind niedriger, die Investitionen in die reale Wirtschaft bleiben niedrig. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Der für Wirtschaftswachstum günstige "Realkapitalismus" nach 1945 wurde ab den 70er Jahren durch den "Finanzkapitalismus" verdrängt.

Zeit der Deregulierung

Stephan Schulmeister (geb. 1947) ist Ökonom und dezidierter Kritiker des Neoliberalismus. Der Weg zur Prosperität (Ecowin Verlag 2018, 480 Seiten, 28,- Euro)
Stephan Schulmeister (geb. 1947) ist Ökonom und dezidierter Kritiker des Neoliberalismus. Der Weg zur Prosperität (Ecowin Verlag 2018, 480 Seiten, 28,- Euro)

Diese Entwicklung wurde politisch hervorgerufen, als 1971 der feste Preis für Gold in Dollar aufgegeben wurde. Dadurch waren die Wechselkurse zwischen den Währungen nicht mehr fix. Es entstanden Märkte zur Spekulation auf Wechselkursänderungen. Später kamen Deregulierungen anderer Finanzmärkte hinzu. Diese politischen Entscheidungen sind Folge einer spezifischen Theorie der Ökonomie, nämlich dass staatliche Interventionen in die Wirtschaft meist negative Folgen haben - also des Neoliberalismus. Die Arbeitsmärkte werden dereguliert, der Sozialstaat wird geschwächt.

Schulmeister will in dem Buch erklären, warum es so gekommen ist. Zwei Fragen sollen hier diskutiert werden: Ist seine Theorie der Ablenkung der Investitionen in spekulative Veranlagungen plausibel? Zweitens, beruht die größere Bedeutung der Finanzmärkte auf willkürlichen politischen Entscheidungen in Folge einer ideologischen Verschiebung hin zu einer wirtschaftsliberalen Gesinnung? Ich möchte zeigen, dass beides nicht zutrifft.

Schulmeister schreibt alle privaten Investitionsentscheidungen den Unternehmen zu - entweder für Produktion oder für Spekulation. Ersteres ist gut, weil dabei produziert wird, nämlich die Kapitalgüter; Letzteres ist schlecht, denn dabei bereichern sich die einen auf Kosten der anderen. Diese Vorstellung greift zu kurz.

Die Entscheidung über reale Investitionen wird zwar von Unternehmen gemacht, die Entscheidung, wie ein Vermögen veranlagt wird, erfolgt jedoch nur zum Teil in Unternehmen, etwa wenn eine Unternehmerin beschließt, ihre Gewinne für eine Ausweitung ihrer Produktionskapazität zu verwenden. Veranlagungen in Finanzvermögen außerhalb der Unternehmen sind ein üblicher Bestandteil des Wirtschaftslebens.