Deutschsprachige Schriftsteller sind ebenfalls in das Feld des Hyperkapitals vorgestoßen, allein 2013 erschienen drei Bücher zum Thema: Jonas Lüschers mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnete Novelle "Frühling der Barbaren" beschreibt auch ausführlich den dekadenten Lebensstil von Londoner Börsenspekulanten; Sascha Rehs "Gibraltar" erzählt, wie ein Trader nach Gibraltar flieht, nachdem er hunderte von Millionen mit Wetten auf griechische Staatsanleihen verloren hat.

In Daniel Kehlmanns Roman "F" treten schließlich drei Geschwister auf den Plan, einer der Brüder ist Finanzberater und Investmentbanker. Noch vor der Finanzkrise gesteht dieser sich ein, dass er das Vermögen eines wichtigen Kunden verzockt hat - durch Bilanzfälschungen versucht er, den Schein zu wahren, bis die reale Wirtschaftskrise den Teufelskreis gnädig beendet. Die Krise als Schicksalsmacht: Bei Kehlmann kommt der Spekulant nicht ungeschoren davon, sein Privatvermögen wird gepfändet, seine Ehe geschieden.

Elfriede Jelinek wiederum zerrte die Figur des Spekulanten früh vor den Bühnenvorhang. In ihrem 2009 uraufgeführtem Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" zeigt die Autorin Wechselwirkungen und Kettenreaktionen des Kapitalmarkts auf: "Das Geld hat selber Hunger und will andres Geld fressen und mehr werden, und dabei wird es von einem andren stärkeren Geld gefressen."

Alle tragen Mitschuld

Bereits 2007 hatte Jelinek damit begonnen, das Drama zu schreiben, zu einem Zeitpunkt, als die fatalen Auswirkungen der geplatzten Immobilienblase in den USA noch nicht absehbar waren; in "Die Kontrakte des Kaufmanns" liefern österreichische Finanzskandale - siehe Meinl-Bank und Bawag - den Hintergrund für die künstlerischen Interpretationen. Jelinek experimentierte mit der Fachsprache der Finanzwelt, bei ihr treten nicht einzelne Akteure auf, sondern Kollektive.

Zwei Bühnenchöre stehen einander in dem Stück feindlich gegenüber: die Gesangsgruppe der Greise, bestehend aus Managern, Finanzdienstleistern und Krisengewinnern, und der Chor der Kleinanleger, der um seine Ersparnisse gebracht wurde. Die Geldmächtigen übertönen auch hier die Verlierer, insofern bleibt die Autorin dem bekannten Sujet der Kapitalismuskritik treu - allerdings, ohne einen Sündenbock zu markieren. Alle sind schuldhaft in die Misere verstrickt, denn jeder ist am Erhalt des Systems beteiligt. Nicht nur die Übermacht der Finanzdienstleister, sondern auch die Gier und Naivität der Kleinanleger trägt zum Crash bei. Jelinek macht das in ihrem Text sehr deutlich.

Indem sie das Vokabular der Finanzwelt aufgreift und ad absurdum führt - man kann hier "Verluste besitzen" -, erlaubt Jelineks Wirtschaftskomödie auf eindrückliche Weise Einblicke in ein geschlossenes System.

Der italienische Dramatiker Stefan Massini verfasste etwa mit "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" ein Familien- und Finanzepos als Parabel auf den Kapitalismus modernen Zuschnitts. Den jüngsten Vorstoß ins Herz des Spätkapitalismus wagte der steirische Dramatiker Ferdinand Schmalz am Burgtheater: In "jedermann (stirbt)" wird aus dem Lebemann aus Hofmannsthals "Jedermann" ein skrupelloser Investmentbanker.

Die Schriftsteller sind dem Börsenspekulanten auf der Spur, als Archetyp des Finanzkapitalismus unserer Tage. Der Entenhausener Fantastilliardär Dagobert Duck sieht dagegen leider alt aus.