Auf Seite 184 passiert dann doch noch ein Wunder. 41 mehr oder weniger kurze Kapitel lang hat man sich bis dorthin gequält mit einem Buch, bei dem man immer wieder auf den Umschlag schauen musste, um auch sicher zu sein: Ja, es stammt tatsächlich von Wolf Haas. Und dann, in Kapitel 42, ist da urplötzlich wieder dieser Sound: "Ich hatte noch nie eine so wütende Frau gesehen. Rein von den Blicken her. Vom Geschau. Vom Augenrollen her. Geredet hat sie ja nichts. Die längste Zeit kein Wort."

Man hört ihn förmlich sprechen, den Brenner, auch wenn dieser Roman von Wolf Haas nicht vom lebensklügsten aller Privatermittler handelt, sondern von einem jungen Mann, den manche ob seiner langen Haare "Fräulein" nennen. Kein Krimi diesmal (wobei die Brenner-Romane als Krimis zu bezeichnen fast schon Frevel ist), sondern eine Initiationsgeschichte. Ein Jüngling wird erwachsen, und die nicht ganz einfachen Wege, auf denen er das wird, werden erzählt.

Simplizität

"Junger Mann" ist Wolf Haas’ dritter Non-Brenner (lässt man den doch eher schwächlichen Formel-1-Roman aus seiner Frühzeit mal weg). Doch während "Das Wetter vor 15 Jahren" (2006) und, etwas weniger, auch "Verteidigung der Missionarsstellung" (2012) ihre jeweiligen Liebesgeschichten mit recht ungewöhnlicher Erzähltechnik präsentierten, scheint nun die Simplizität Programm zu sein.

Das gilt schon für die frühen Lebenserfahrungen, die der Ich-Erzähler im zarten Alter von vier Jahren macht. Als er sich beim Skispringen auf der selbstgebauten Schanze das Bein bricht, weiß er zumindest eines: "Wenn es unter dem Gips juckt, kann man sich nicht kratzen. Aber irgendwann hört es von selbst wieder auf."

Die Leute sagen, dass er sich immer das Bein bricht, weil er so ein "dicker Wuzel" ist, und dieses Zu-dick-Sein führt dazu, dass er mit dreizehn beschließt, "mein gesamtes Übergewicht loszuwerden". 93 Kilo zeigt die Waage, bei 1,80 Meter Körpergröße, und am Ende des Sommers sollen es unter 80 Kilo sein. Nebenher arbeitet der junge Mann an der Tankstelle, wo er den LKW-Fahrer Tscho kennenlernt, der mit seinem Scania immer in der Welt und vor allem nach Teheran unterwegs ist. Dieser Tscho hat eine reichlich attraktive Frau, die Elsa, in die sich der junge Mann ein wenig verliebt und der er irgendwann immerhin Englischstunden geben darf.