Francesca Melandri , 1964 in Rom geboren, ist auch eine erfolgreiche Drehbuchautorin. - © Elisabetta Claudio
Francesca Melandri , 1964 in Rom geboren, ist auch eine erfolgreiche Drehbuchautorin. - © Elisabetta Claudio

Identität und Entwurzelung, Flucht und Verdrängung sind die Grundthemen im neuen Roman "Alle, außer mir" der Italienerin Francesca Melandri. Er wird als "Buch der Stunde" gehandelt, und das ist auch sein größter Vorzug: er greift mitten hinein in das bedrängende Problem der Massenmigration, insbesondere aus afrikanischen Ländern. Und er zeigt die Gegenreaktion in Melandris italienischer Heimat: Abwehr und Ausgrenzung fremdländischer Zuzügler, aber auch die Problematik ganzer Stadtviertel, die von Parallelgesellschaften erobert und auf Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung gegründet sind.

Verdrängung im historischen Sinn zeigt auch Italien: Es hat sich nie ernsthaft seiner über Jahrzehnte verschwiegenen Vergangenheit gestellt. Auch in Ita-lien betrifft es die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Doch Mussolinis faschistische Diktatur beschränkte sich nicht auf über zwei Jahrzehnte Terror im eigenen Land und auf die Teilnahme am Krieg der Achsenmächte. Der sich selbst verherrlichende "Duce" strebte auch nach dem Lorbeer kolonialer Eroberung. Ab Oktober 1935 besetzte er im sogenannten "Abessinien-Abenteuer" fünf Jahre lang das Reich des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, bis dieser unter dem Geleit der britischen Truppen im Frühjahr 1941 aus dem Exil zurückkehren und erneut den Thron des "Löwen von Juda" besteigen konnte.

Melandris großräumig erzählter Gesellschaftsroman benützt diesen dunklen geschichtlichen Hintergrund Italiens, um mit einem Überraschungscoup die mühsam gewahrte Ruhe innerhalb eines weitläufigen römischen Familienclans durchzurütteln: Sie lässt einen äthiopischen Jungen vor der Wohnungstüre von Ilaria Profeti warten, der Tochter des umtriebigen, allseits vernetzten Bauunternehmers Attilio Profeti, und sie als Tante begrüßen.

Ilaria, die als alleinstehende Lehrerin in einem vom Vater eingerichteten Appartementhaus auf dem Esquilin wohnt, "dem höchsten der heiligen Hügel Roms", fällt aus allen Wolken: von einer verwandtschaftlichen Beziehung mit Äthiopien hat sie noch nie gehört. Aber der junge Mann vermag sich mit Vaters Namen - Attilaprofeti, Vorname Shimeta Ietmgeta - vorzustellen und kann dies mit einschlägigen Dokumenten beweisen. Es stellt sich heraus: er ist ein Enkel von Ilarias Vater, der einst als Mussolinis Gefolgsmann in Afrika mit einer Äthiopierin einen unehelichen Sohn gezeugt hat.

Der junge Mann, "dunkel wie ein Zuckerrohr", ist Bote und Stichwortgeber für ein vielsagend verschwiegenes Kapitel in der Biographie von Ilarias Vater, der sich bisher, was seine Vergangenheit betrifft, stets als heroischer Partisan im Kampf gegen den faschistischen Staat feiern ließ.