Eigentlich wollte Niels Christian Winckler an seinem 30. Geburtstag imstande sein, seinen Freunden die zweistimmigen Inventionen von Bach vorzuspielen. Doch dazu kam es nicht, wie er selbst berichtet: ". . . als ich achtundzwanzig war, fühlte ich nur noch Resignation, weil ich nicht an das Niveau von Glenn Gould heranreichte."

Dieser Klavierspieler-Komplex erinnert an Thomas Bernhards Roman "Der Untergeher": Dort verzweifelte der Pianist Wertheimer am Leben, weil er Bachs "Goldberg-Variationen" nicht so prachtvoll spielen konnte wie der kultisch verehrte Glenn Gould.

Aber der dänische Autor Thøger Jensen lässt seinen Niels Christian nicht untergehen, sondern schickt ihn zu dem klugen Musiklehrer Åke Hällevik, der die Angst des Schülers mit den Worten verscheucht: "Was für ein Quatsch. Sie würden nie an das Niveau von Glenn Gould heranreichen, und seien Sie froh darüber, er war ge-nial, aber auch eine völlig verstörte Person. Im glücklichen Fall können Sie Sie selbst werden."

Diesen Prozess der Niels-Christian-Werdung beschreibt Jensens Roman in wortkarger Kunstfertigkeit. In kürzesten Kapiteln wird eher angedeutet als ausgemalt, wie ein beinahe vierzigjähriger Mann ein neues Leben beginnt. Er verlässt die wenig geliebte Provinz und zieht in die Großstadt Århus. Im Haus des Klavierlehrers arbeitet er als Hausmeister und lässt sich dafür von Herrn Hällevik die Kunst des Bachspielens beibringen. Außerdem hat er eine Affäre mit Hälleviks einstiger Ehefrau Hanne. Ein überbordend leidenschaftlicher Liebhaber ist Niels allerdings nicht, wie Jensen trocken demonstriert. Hanne fragt einmal: "- Niels Christian, was denkst du, wie würdest du reagieren, sollte ich plötzlich sterben?

- Tja, sagt Niels und blickt von seinem Teller hoch. - Ich würde vermutlich denken, wie ärgerlich."

All diese unspektakulären Entwicklungsschritte werden unterstützt von Bachs Musik. Niels vergreift sich nicht an den extrem schwierigen "Goldberg-Variationen", sondern beschränkt sich klug auf die zweistimmigen Inventionen. Die musikalischen Fortschritte des Helden werden vom Autor, der ein Meister des Verschweigens ist, nicht ausdrücklich beschrieben. Sie lassen sich jedoch erschließen, weil die Überschriften der kurzen Kapitel aus nackten Zahlen bestehen: auf 3 folgt 5, auf 13 folgt 7, auf 6 wieder 1. Allmählich begreift der Leser, dass damit jedem Erzählabschnitt eine der 15 Inventionen zugeordnet wird. Wer genau hinschaut, bemerkt auch, dass die Nummern 12, 14, und 15 fehlen. Niels Christian ist eben noch an der Arbeit.

Sonst geschieht nicht viel - außer ein paar kleine Überraschungen. Wer sich zum Beispiel hinter jenem "Ludwig" verbirgt, der dem Ganzen den Titel gibt - das werden interessierte Leser selbst herausfinden. Hier sei nur so viel verraten: Beethoven ist es nicht.