"Aus dem Badezimmer erscholl ein gleichmäßiges Plätschern. Günther von Tarniff saß in seinem rotgelben Badebassin. Er saß da schon geraume Zeit und registrierte die behaglichen Empfindungen, die über seinen Körper hinglitten. Günther pflegte seinen Körper wie ein Brahmane. Er bewunderte ihn und achtete ihn, als die Tafel, auf der das Leben viele, wichtige Genüsse zu verzeichnen hat." Tarniff, ein sinnlicher Lebemann, der im Alter von 30 Jahren von einer Sinn- und Lebenskrise eingeholt worden war. Tarniff, ein mit feiner diskreter Psychologie gezeichneter Protagonist des "nervösen", ins Medizinische übersetzt: neurasthenischen Menschentypus um 1900. Tarniff, ein Zerrissener, ein Unentschlossener, eine Übergangsfigur in einer Übergangszeit.

Dieser Günther von Tarniff, der sich der Körperpflege so intensiv widmet, als sei das Wort "Wellness" bereits vor mehr als einhundert Jahren im Schwange, ist einer der Protagonisten in "Beate und Mareile", einer Schloss- und Ehebruchgeschichte aus dem Jahr 1903, geschrieben von Eduard von Keyserling.

Entschwundene Welt

Die literarische Welt dieses Romanciers scheint sehr fern, ja entschwunden zu sein. Der 1855 geborene Adelige schrieb über Livland und Kurland, extraterritoriale deutsche Provinzen und Sprach- inseln weit im Osten Europas, die heute zu Lettland gehören. Revolutionen, Umwälzungen und Diktaturen, Teilungen und Vertreibungen im Gefolge zweier heißer und eines langen Kalten Krieges, dazu System- und Sprachwechsel sorgten dafür, dass jede Beschäftigung mit den Büchern dieses Schriftstellers die in ihnen geschilderten topographischen und gesellschaftlichen Verhältnisse umgewälzt, zerschlagen und mit Stumpf und Stiel ausgelöscht haben. Auch und erst recht die Personen seines Kosmos, die teils skurrile, ja abenteuerliche Namen tragen: Graf Hamilkar von Wandl-Dux, Helmar von Alderaß, Geheimrat Knospelius (in "Wellen", 1909) oder, in "Fräulein Rosa Herz", seinem Debütroman von 1887, einer Frauenausbruchs- und Anti-Idyllgeschichte, Ambrosius Tellerat.

Keyserling beschrieb jene Re- gion aus großer räumlicher Entfernung. Denn er verbrachte fast sein ganzes Leben außerhalb des Baltikums. Zurückzuführen auf einen Eklat während seines Jurastudiums in Dorpat, dessentwegen er sozial déclassé war - davon handelte jüngst Klaus Modicks biografischer Roman "Keyserlings Geheimnis" -, lebte er zunächst in Wien, später für kurze Zeit auf den Gütern seiner Mutter, deren Verwaltung in seinen Händen lag. Schließlich zog er mit seinen beiden Schwestern, eine dritte folgte bald, 1901 nach München-Schwabing, wo er bis zu seinem Tode lebte. Dort fand er im Zuge der erfolgreichen Publikation von "Beate und Mareile" 1903 zu dem ihn auszeichnenden eigenen, außerordentlich verfeinerten, dezent maliziösen Stil.