Zwei alte Herren in Wien, wo auch Wolf Wondratschek seit 1998 lebt: Juri Suvorin, ein Russe, Pianist, vergessene Berühmtheit aus Leningrad; und ein Schriftsteller ohne Namen. Im Café haben sie sich kennengelernt, in der Pizzeria "La Gondola" ihre Gespräche fortgesetzt. Am Horizont steht eine spannende Künstlerbiografie eines russischen Exilanten: Moskau, London, Paris, Wien.

Das ist das Pfund, mit dem der Schriftsteller wuchern will. Er fragt fasziniert, der Musiker monologisiert munter drauflos, an den Fragen vorbei. Ein erlittenes und erfülltes Leben will ans Licht. Der Schriftsteller kommt zu Wort, wenn er das Erzählte kommentiert oder selbst an den Leser weiterreicht. Die Erzählteile von beiden Ichs fließen ineinander, die Perspektiven wechseln, später kommen weitere Ichs hinzu - der Leser hat das Vergnügen herauszufinden, wer spricht. Fakt ist: Der russische Musiker ist zum Klavierspiel nicht mehr in der Lage: die Finger, der Kopf, das Herz - sie alle wollen nicht mehr so recht . . .

Wolf Wondratschek, Einzelgänger und Außenseiter, Lyriker, Erzähler und Publizist, schrieb, wie Hemingway oder auch Brecht, übers Boxen, über die Untiefen der Halbwelt und die Lebensgier der 70er und 80er Jahre, aber immer schon auch über Sprache, Musik und Literatur. Dieser Klassiker der Gegenwart zwischen allen Stühlen wurde kürzlich 75 Jahre alt. Aus diesem Anlass erschien sein neuer Roman als Beginn einer Werkausgabe im Ullstein Verlag, zu der auch die gleichzeitig herausgekommenen gesammelten Gedichte (in 13 Bänden) gehören.

Ein ironischer Gestus zieht sich durch das Buch, das ganz Sprachkunstwerk ist. Wondratschek spielt mit Kitsch, Klischees und Pathos. Sein Held erzählt schmerzhafte, komische und verrückte Geschichten und Anekdoten, wie etwa jene von der russischen Erde, die er sich schicken lässt und für Beerdigungen seiner Landsleute in Wien weiterreicht. Oder von der Uraufführung von Alfred Schnittkes 2. Sinfonie in Moskau, an der er teilgenommen habe. Diese Sinfonie enthält aber gar keinen Klavierpart und wurde erst 1980 in London uraufgeführt. Hier wird aus dem Vollen erzählt - und gelogen. Es muss nicht wahr sein, aber lebendig. Fiktion und Wirklichkeit geben sich die Hand.

Die Zeiten, die Orte, die Erinnerungen geraten durcheinander. Das Profane und Alltägliche stehen unmittelbar neben dem Gewichtigen und dem Abgründigen. Suvorin erzählt von seinem Ärger - und vom Alkohol, der ihm sein Klavierspiel in Sowjetzeiten schönte. Er habe sich vom Staatskünstler zum Staatsfeind weiterentwickelt, was ihn neu motiviert habe.