Wer sich in Alma Mahler-Werfels Tagebuchsuiten vertieft, erkennt die Formulierungsgabe der jungen Autorin, die ihr gefälliges Äußeres noch stärker wirken ließ. In Paulus Mankers bilderreicher Darstellung erscheint uns die Muse der Künstler um 1900 als erotisch-bebendes Kraftzentrum, doch als Mädchen war Alma wohlbehütet und genoss eine humanistische Erziehung.

Lange bevor ihre lebenslange Freundschaft mit Arthur Schnitzler begann und geraume Zeit vor ihrer Ehe mit Franz Werfel (sie währte von 1929 bis 1945) betätigte sich Alma literarisch und musikalisch. Ihre Anziehungskraft auf den Komponisten Alexander von Zemlinsky und den symphonischen Genius Gustav Mahler erscheint so nachvollziehbar. Früh verwitwet, stieß die in einer Josef-Hoffmann-Villa auf der Hohen Warte lebende Ästhetin auf den Architekten Walter Gropius und wurde in Puppenform zum Kokoschka-Sehnsuchtstraum, ehe sie an den begabten Lyriker und Erzähler Franz Werfel geriet, der von seinem Prager Kollegen Kafka liebevoll "der kleine Franz" genannt wurde (der große war er ja selbst!).

Lob von Theodor Storm

Sowohl im Schreibatelier in Döbling als auch im kalifornischen Exil erbrachte Werfel unter Almas Ehe-Herrschaft publizistische Höchstleistungen und erreichte dank Buchgemeinschaftsausgaben hohe Auflagenzahlen. Der Sohn eines Prager Handschuh-
erzeugers bezahlte diese Erfolge, die er mit Romanbiografien (Verdi) und historischen Darstellungen ("Die vierzig Tage des Musa Dagh") erzielte, mit einem frühen Tod, den Alma nicht ihrem ehrgeizbeflügenden Schaffensdruck, sondern seinem exzessiven Kaffee- und Zigarrenkonsum zuschrieb.

Das literarische Talent der 1879 als Alma Schindler Geborenen könnte auf einen Vorfahren zurückgehen, der heute, 133 Jahre nach seinem Tod am 6. März 1885, fast vergessen ist. Am 26. September 1818 wurde Almas Großonkel, Alexander Julius Schindler, geboren, mit dem sie über den Maler Emil Jakob Schindler verwandt war. Im August 1872 war Julius von der Traun, wie er sich als Autor nannte, in seinem Schloss Leopoldskron bei Salzburg Gastgeber von Theodor Storm (18171888).

Der Jurist aus dem hohen Norden war, nachdem er das Reisegeld endlich erübrigen konnte, den mehrfachen Einladungen aus Österreich gefolgt und erlebte rund um Salzburg einen seltenen Auslandsaufenthalt voller Idyllen und Naturschönheiten. Kein Wunder, dass er Schindler in hohen Tönen lobte. Im Stall des schönen Rokoko-Lustschlosses warteten nicht nur zwei Reitpferde auf einen Ausritt, sondern auch prächtige Zugtiere, die Storm nach Hellbrunn und zum Unterberg brachten, der den norddeutschen Autor besonders faszinierte.