Nicht mehr gespielt

Ein anderes zeitloses Paracelsus-Thema ist die Desinformation: Die Menschen plappern nur das nach, was sie von "Landfahrern, Scheerern und Nachrichtern" vorgesetzt bekommen. Schindler nahm somit bereits Nachrichtendienste wie Twitter und Instagram sowie Gratiszeitungen vorweg.

Ein Julius von heute hätte vermutlich über Wahlmanipulationen, die von fernen Zwiebeltürmen und verbotenen Städten bis zum Kongress und dem Bundestag reichen, geschrieben. Gnadenlos verurteilt sein Paracelsus die Unwissenheit und die Vorurteile der Bürger, aber auch der konservativ eingestellten Fachkollegen ("Schulfüchse").

Dass Schindler ausgerechnet dem Scharfrichter, den er auch in seiner Prosa anspricht ("Die Geschichte vom Scharfrichter Rosenfeld und seinem Pathen", 1853) eine humane, fürsorgliche Rolle beimisst, mag aus eigener Erfahrung oder einem besonders ironischen Einfall herrühren. Da sich einst niemand in der Nähe eines Henkers ansiedeln wollte, kann man heute noch an Szenerien wie dem "Rabenstein" erkennen, den Schindler beim Salzburger Linzertor unweit des alten "Hochgerichts" ansiedelte, wo er illustre Figuren wie den Famulus Oporinus nach Knochen und Versatzstücken für Laudanum suchen ließ.

So stellt sich die Frage, warum der "Paracelsus", den ein Wahlsalzburger schrieb, nicht mehr geschätzt und aufgeführt wird. Immerhin spielt das Stück unweit der Erzbischöflichen Residenz, wo Schindler sein ererbtes Vermögen in das Schloss Leopoldskron investierte, statt es zu verprassen.

Am Domplatz stellt Jahr für Jahr der "Jedermann", den Hugo von Hofmannsthal ja auch aus einem alten Volksstück kompiliert hat, einen der dramatischen Höhepunkte der Festspiele dar. Der von Schnitzler als "dämonisch" und sogar "satanisch" punzierte Sie-Freund Hugo hat aus der bäuerlichen Posse ein Drama über das Leben und Sterben des (in der Region gehäuft auftretenden) reichen Mannes und des (bis in den Pinzgau hinab) allseits herrschenden Mammon stilisiert.

Erlebnisreisen

Schon Grillparzer erkannte um 1852 in seiner heute unbekannten Rolle als Analytiker von fremden Theaterstücken, dass sich der spanische Dichter Lope de Vega (15621635) deshalb so erfolgreich hielt, weil sich das gebildete Publikum seiner Heimat mit all seinen Anspielungen identifizieren konnte. Dasselbe gilt für Schindlers Figuren. Obwohl somit der "Jedermann" in Salzburg eine Art sakrosankten Dauerbrenner darstellt, an dem zu rühren noch kein Intendant wagte, könnte mit dem "Theophrastus Paracelsus" ein weiteres Werk mit einem ähnlichen, regional-literarischen Strickmuster samt tiefsinniger Aussage und Wiedererkennungswert neu belebt werden.