Am Anfang fragt man sich, was das wohl werden wird mit diesem Anatol Neuendorff, dem offenbar leicht autistisch veranlagten Protagonisten von Susanne Falks neuem Roman. Als Enkel einer gefeierten Burgschauspielerin wächst er in Wien als eines von vier Kindern in einem von der Großmutter dominierten Haushalt auf und sucht zunächst vergeblich seinen Platz in der Gesellschaft. Der ewige Außenseiter landet schließlich im Kunstforum und findet dort seinen Traumjob: Museumsaufsicht. Da muss er sich nicht mit gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen plagen und fühlt sich frei in seiner Langeweile.

Aber dann wird sein Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt, als er in der Menge der Besucher einen goldblonden Lockenkopf erblickt und sich Hals über Kopf in die Kunststudentin Marcelline aus Nantes verliebt, die für ihre Diplomarbeit Wien besucht. Und in seiner nonkonformistischen Unbedarftheit beschließt Anatol, nachdem er (seiner sozialen Inkompetenz geschuldet) mehrere Gelegenheiten verpasst hat, Marcelline nach Frankreich zu folgen - und zwar mit jenem Gemälde von Marc Chagalls unter dem Arm, das Marcelline während ihrer Besuche besonders lange betrachtet hat. Was auf diesen unbedachten Diebstahl, der erstaunlich leicht vonstatten geht, folgt, ist ein rasantes Roadmovie, in dem Anatol der Polizei durch diverse Glücksfälle immer den entscheidenden Schritt voraus ist, während er in die abstrusesten Situationen gerät, aus denen er sich immer wieder herauslaviert, beziehungsweise schiebt sein Schutzengel Überstunden, um ihn herauszuboxen. Gleichzeitig macht sich auch seine Familie mitsamt der Großmutter und seinem schwulen, übergewichtigen Kollegen Gerhard (dem einzigen Menschen, den Anatol als Freund bezeichnen könnte) auf die Suche nach Anatol, sprich: auf nach Frankreich, im Schlepptau einen hartnäckigen Polizeipsychologen, der sie immer wieder einholt.

So bewegt sich der Tross in einer Art blindem "Catch me if you can" von Österreich über Deutschland und die Schweiz bis nach Frankreich. Währenddessen blickt Anatol immer wieder zurück auf seine Kindheit und die Erlebnisse mit verschiedenen Familienmitgliedern - ein Stilmittel, um die Familienverhältnisse der Neuendorffs anschaulich zu beschreiben und Anatols Seelenleben zu beschreiben. Zudem durchlebt auch der Rest der Familie eine Entwicklung, in deren Verlauf das Verhältnis zwischen Anatols Großmutter und Mutter sowie jenes zwischen Mutter und Vater neu geordnet wird und sich mancher Charakter neu (er)findet. Hier glänzt Susanne Falk mit pointierten Beschreibungen, nicht nur was sein unbedarft naives und zugleich tollkühnes Wesen betrifft, das die skurillen Szenen, in die er gerät, erst ermöglicht, sondern auch in Bezug auf die Diva, die in seiner Großmutter steckt und für eine gewisse innere Zerrissenheit zwischen Startum und Mutterrolle sorgt.

Beides, die äußeren wie die inneren Entwicklungen dieses Romans, zieht den Leser in seinen Bann und zerrt ihn förmlich Seite für Seite weiter. Verschnaufen gibt es hier nicht, und immer wenn man glaubt, jetzt hat das Abenteuer seinen Zenit erreicht, setzt Falk noch eins drauf. Das Ganze macht unheimlich Spaß, weil es zwar total abgedreht ist, aber doch nicht übertrieben. Und weil man so schön mit dem Unterdurchschnittshelden mitfiebern kann. Und eigentlich sind 360 Seiten Anatol-Chagall-Roadmovie viel zu wenig.

Susanne Falk: Anatol studiert das Leben
Picus; 360 Seiten; 18 Euro