Wagt sich auf das gefährliche Terrain der Eltern-Biographie: Kristine Bilkau. - © Thorsten Kirves
Wagt sich auf das gefährliche Terrain der Eltern-Biographie: Kristine Bilkau. - © Thorsten Kirves

Nach ihrem erfolgreichen Romandebüt "Die Glücklichen" (2015) hat Kristine Bilkau nun eine weitere Beziehungsgeschichte nachgelegt. Wieder geht es um die Frage, wie - und ob - sich Glück greifen lässt.

Der Roman "Eine Liebe, in Gedanken" beginnt wie eine Mahnung. Immer wieder hat die Tochter den Besuch bei der Mutter hinausgeschoben, nun ist es zu spät: Die Mutter ist gestorben, und es gibt nichts anderes mehr zu tun, als die Wohnung zu räumen. Beim Sortieren der Hinterlassenschaft stößt die Tochter auf alte Briefe, und sie lässt sich, zaghaft zuerst, auf die Vergangenheit ein. Auf der Spur einer Liebesgeschichte, die am Happy End vorbei geschrammt ist, muss sie sich fragen, was denn eigentlich eine erfüllte Liebe ausmacht. Ist es Beständigkeit (wie sie es in ihrer eigenen Ehe anstrebt)? Oder gilt auch eine "Liebe in Gedanken"?

Brüchiges Konstrukt

Mit ihrem zweiten Roman wagt sich Kristine Bilkau auf das gefährliche Terrain der Eltern-Biographie. Was weiß man schon über das Leben der eigenen Mutter? Wo doch alles, was man erfährt, entweder den Filter von Lebenslügen oder jenen des Schweigens durchlaufen hat? Auch die Erzählerin in Bilkaus Roman muss sich die Geschichte ihrer Mutter erst zusammenbasteln.

"Ich hatte gedacht, sie wäre unverwundbar." Aber nein, die Mutter ist gestorben, und nun, wo das Leben quasi fertig ist, will die Tochter herausfinden, ob es ein erfülltes war. Auf jeden Fall, so stellt sie fest, ist die Mutter anderen Zielen gefolgt als sie selbst, die immer schon auf Konventionen gesetzt hat. Die erzählende Tochter ist ewig verheiratet, es war stets derselbe Mann, sie lebt immer am selben Ort. Sicherheit hat sie gebraucht, und die hat sie auch gefunden. Vorübergehend. Denn jetzt ist ihr Kind erwachsen, die Mutter gestorben, und auf einmal ist das Konstrukt brüchig. Da hat das ganze Stillhalten nichts genützt.

Die Mutter, Antonia, war zweimal verheiratet, zweimal geschieden, sie ist noch im Alter in eine neue Stadt gezogen. Hat sich ins Leben hineingestürzt, ohne Angst vor den unvermeidbaren Schrammen. Von Antonias großer Liebe wusste die Tochter wenig. Warum hat sie nie nachgefragt?, fragt sie sich jetzt selbst. Anhand der Briefe, die ihre Mutter zurückgelassen hat, wird sie diese Geschichte rekonstruieren. Die Liebe zwischen Antonia und Edgar war eine starke und eine bleibende. Trotz - oder gerade wegen - ihres Scheiterns. Gemeinsam mit der Tochter dröselt man Tonis Geschichte auf.

Hamburg, 1964. Alles ist im Aufbruch, und je mehr das Neue an den alten Mauern rüttelt, umso fester stemmt sich das Konservative dagegen. Antonia ist mittendrin. Sie ist so stolz auf ihre Errungenschaften, die von einem modernen Leben zeugen: ein Plattenspieler, Jazzmusik, abends ausgehen, Autofahren, die kleine Hausbar mit Pernod und Likör. Ein Freund. Die Spielregeln verlangen freilich, dass man sich verlobt, heiratet, dass eine junge Frau "anständig" bleibt.