2002 erhielt die Schriftstellerin Juli Zeh für ihren inzwischen in fast 30 Sprachen übersetzten Debütroman "Adler und Engel" den Deutschen Bücherpreis. Beinahe nebenbei hat sie einst das beste juristische Staatsexamen ihres Jahrgangs im Freistaat Sachsen abgelegt. Die heute 44-jährige, in einem brandenburgischen Dorf lebende promovierte Juristin hat sich seitdem zu einer literarischen "Allzweckwaffe" entwickelt und sowohl explizit gesellschaftskritische als auch unterhaltende Romane vorgelegt.

Wie schon in "Nullzeit" (2012) schickt Juli Zeh ihre Figuren in ihrem neuen Roman wiederum nach Lanzarote. Sachbuchlektor Henning, seine Ehefrau, die Steuerberaterin Theresa, und deren Kinder Bibbi und Jonas verbringen Weihnachten und den Jahreswechsel auf der Kanaren-Insel. Henning und die dominante und beruflich erfolgreichere Theresa führen eine emanzipierte Ehe mit klaren Rollenverteilungen, aber ohne gemeinsame Glücksmomente. Ob es daran liegt, dass Henning immer häufiger von Panikattacken heimgesucht wird, die er ganz vertraulich und überhaupt nicht verteufelnd "Es" nennt und deren Ursachen vermutlich in der frühen Kindheit verborgen sind?

Juli Zeh referiert zu Beginn ziemlich ausführlich und ein wenig oberlehrerhaft-medizinisch das Thema Panikattacken. Was steckt dahinter: Ist es vielleicht die Angst, als Vater zu versagen? Der vermeintlich moderne Henning, dem jedes Macho-Gehabe fremd ist, lebt in einem Zustand permanenter Überbelastung: "Eine Wut wie ein Energiefeld, wie Hitze oder Licht. Henning brennt innerlich."

Und weil dies so ist und er sich nicht anders zu helfen weiß, steigt er am Neujahrsmorgen aufs Fahrrad und startet zu einer strapaziösen Bergtour. Ohne Proviant und ohne Getränk nimmt er den Kampf mit dem Berg auf, den Gipfel des Atalaya-Vulkans vor Augen. Krämpfe, Schweißausbrüche, Schwindelgefühle und brennende Atemwege begleiten ihn. Das Radfahren fungiert offensichtlich als Flucht vor dem Alltag: Henning redet sich ein, auf zwei Rädern (mit dem Wind um die Nase) den Kopf freizubekommen.

Kurz vor dem Gipfel kollabiert er fast, wird von einer deutschen Aussteigerin fürsorglich mit Tortilla und Pfirsichsaft aufgepäppelt und in ein Haus gebracht. Ist es konkrete Erinnerung oder halbkomatöser Wahn? Jedenfalls fühlt sich Henning an dieses Steinhaus erinnert, an das finstere Loch in der Zisterne und an ein schauriges Spinnen-Gewimmel.

Er glaubt, als kleiner Junge mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester dort gewesen und später von den Eltern allein gelassen worden zu sein. Juli Zeh erzählt diesen zweiten, rückblickenden Teil, nachdem wir zuvor Wegbegleiter von Hennings selbsttherapeutischer Radtour gewesen sind, mit anrührend kindlicher Stimme. Es wirkt aber alles wie am Reißbrett entworfen - mit einem vorhersehbaren Romanende, das hier allerdings nicht verraten werden soll.

Während der Lektüre fragt man sich unwillkürlich, wie ein solches Paar miteinander leben kann. "Ich habe die Schnauze voll von diesem Theater", kommentiert Theresa ziemlich barsch Hennings Attacken. Und ihren Kindern gibt sie - wenig liebevoll - mit auf den Weg: "Ihr habt einen Vater, und der hat Hände und Füße, warum fragt ihr nicht den?"

Juli Zeh bemüht sich um eine einfache, allgemein verständliche Sprache. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber leider argumentiert und kommentiert ihr auktorialer Erzähler auf ebenso bescheidenem Niveau: "Das Schicksal hat ihn beschnuppert und beschlossen, sich nicht für ihn zu interessieren." Das ist also Hennings Schicksal - oder "manchmal glaubt er, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt".

Solche Sätze lassen nur den Schluss zu, dass Juli Zeh ihrer eigenen Handlung nicht traut und den Leser an die Hand nehmen und keine Frage unbeantwortet lassen will. Das mögen ehrbare Intentionen sein, aber in der Literatur kann weniger oft mehr sein. "Zu fragen bin ich da, nicht zu antworten", befand schon vor rund 150 Jahren der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen.