Ein Flüchtling vermag, sofern er überlebt hat, viel zu erzählen. Vorausgesetzt, er will erzählen und findet die geeignete Sprache. Der Flüchtling, den der Dorfjunge Domenico in seinem Versteck im Wald aufstöbert, sprudelt über vor Redseligkeit. Vom Meer und von Schiffen, die unterzugehen drohen, erfährt Domenico da aus erster Hand, von Städten voll Licht und vom Löwen bei den Massai in Afrika, den der Fremde als erster Weißer eigenhändig, bloß mit einem Spieß, getötet haben will.

In dem Knaben Domenico wecken die Flunkereien des Flüchtlings eine unbändige Sehnsucht nach der Ferne. Mit seinem Mutterwitz und seiner kühnen Neugier ist Domenico denn auch der ideale Ausbund jenes unerschütterlichen Abenteurers, den der georgische Erzähler Guram Dotschanaschwili zum Romanhelden seines großen Epos "Das erste Gewand" erkoren hat. Angelehnt an die Tradition der mittelalterlichen Aventiure-Dichtung, schickt er seinen jugendlichen Helden wie Parzival auf eine Lebensreise voller Bewährungsproben, die zu bestehen ein Schicksal voller Fährnisse und Wunder für ihn bereithält.

Das Reisegeld erhält Domenico von seinem Vater, der dafür Geschmeide von jenem kostbaren "Ersten Gewand" verkauft, das in seinem Besitz ist. "Das erste Gewand, das Gott am Tage der Weltschöpfung angelegt hat, war von Majestät und Pracht", heißt es darüber in der Bibel. Es ist der Logos, der so beschrieben wird.

Vom Dorf in die Stadt

Vorerst freilich begnügt sich der Knabe noch mit der ihm vertrauten bäuerlichen Umgebung. Wenn die Nacht kommt, bestaunt Domenico gebannt den Wechsel der Welt, und der Autor zeigt die ersten Proben seiner stimmungsvollen Erzählkunst: "Das Dorf wurde still, die vertrauten Stimmen verstummten, der Stein war kein Stein mehr, auch kein Baum mehr ein Baum, der Heuhaufen sah erst recht nicht mehr aus wie ein Heuhaufen, und im schimmernden Mondlicht beobachtete Domenico lange die Verwandlung der Dinge - das Ganze ähnelte einem seltsamen, gnadenlosen Verrat."

Wenn sich die Bauern schlafen legen, streift Domenico durch den Wald. Der schöne Schauer zieht ihn an. "Ein nächtlicher Windhauch wehte, und sachte regten sich blasse Schemen. ‚Wo bin ich?‘ Einer der Schemen glitt vom Baum herab. Domenico stand auf, geriet ins Schwanken, fing sich wieder, er schaute um sich her. Es war dunkel, und etwas verharrte da schweigend in der nächtlichen Finsternis, etwas Riesenhaftes. Er rieb sich die Augen, starrte unverwandt in die Dunkelheit, irgendwo kreischte ein Nachtvogel. Bösartig rauschte der Bach. Und plötzlich überkam ihn ein Schaudern: Er bemerkte die Stille. Immens, allumfassend. Alles war in dieser Stille enthalten, die gurgelnde Stimme des Baches und der Windhauch, weit und endlos, der leicht wie eine sich windende Schlange im undurchdringlichen Wald zwischen den Ästen hindurchglitt; da war der Donner, allmächtig, tosend, ohrenbetäubend; und eine Drohung, als stumme Schwärze, auf seinen Schultern lastend. Aber das Grässlichste war die Gleichgültigkeit der Stille, ihre grausame, bewusste Unwissenheit."