Früher stellten sie die Mehrzahl unter den Literaten, heute gibt es sie kaum noch: die Erzähler. Zumindest nicht in der deutschsprachigen Literatur. Gemeint sind Schriftsteller, die eine Geschichte erzählen können, ganz konventionell, mit einer zusammenhängenden und realistischen Handlung. Schriftsteller, die nicht der Versuchung erliegen, ihren Stoff durch sprachliche Experimente oder essayistische Abschweifungen literarisch aufzuladen, sondern sich auf die Kraft ihrer Erzählsprache verlassen. Schriftsteller so wie Christoph Hein.

Sein neuer Roman, "Verwirrnis", ist eines jener Bücher, die man in einem Lektüredurchgang lesen kann, ja: durchlesen muss. Ganz einfach, weil man erfahren möchte, wie die Geschichte von Friedeward Ringeling verläuft - und wie sie ausgeht. Wir lernen Heins Hauptfigur auf den ersten beiden Seiten des Romans kennen als einen schrulligen, liebenswerten Sonderling, stets konservativ gekleidet und mit ausgesucht altmodischen Manieren gegenüber Damen. Sein etwas komischer Name erinnert nicht von ungefähr an Protagonisten von Thomas Mann: Friedeward, genannt Friedl, ist homosexuell.

Notwehrmanöver

Bereits in der Schule lernt er seine große Liebe kennen: Wolfgang Zernick, Sohn des Kantors einer katholischen Kirche. Auch Friedl kommt aus einer katholischen Familie - sein Vater ist Lehrer und strenggläubig. Weil für seine El-tern nicht einmal eine Heirat mit einer Protestantin vorstellbar wäre, müssen Friedl und Wolfgang ihr Geheimnis vor ihrem Umfeld bewahren.

Das ist im Ostdeutschland der 1950er Jahre keine leichte Sache. Und natürlich werden die beiden irgendwann, ausgerechnet von Friedls Vater, zusammen im Bett erwischt. Mit der Drohung, die damals noch unter Strafe stehende Liebesverbindung bei der Polizei anzuzeigen, zwingt Ringeling nun Wolfgangs Vater, seinen Sohn in eine andere Stadt fortzuschicken.

Doch das kann den Liebesbund zwischen den jungen Männern nicht brechen. Sie tun sich als Studenten in Leipzig wieder zusammen und gehen mit einem gleichfalls unter dem Mantel der Verschwiegenheit lebenden lesbischen Paar ein strategisches Bündnis ein: Wolfgang ist ohnehin seit langem pro forma verlobt mit einem katholischen Mädchen, welches gerade sein mangelndes sexuelles Interesse an ihr sehr schätzt; Friedl wiederum verlobt sich nun ebenso mit einer der Lesben, um als heterosexuell durchzugehen. Dies wiederum kommt auch dem weiblichen Paar entgegen, denn es kursieren bedrohliche Gerüchte um ihre enge Frauenfreundschaft.

Heins Roman besteht aber aus erheblich mehr als der einfühlsamen Nachzeichnung der Schicksale queerer Paare und ihrer Notwehrmanöver in einer intoleranten Gesellschaft. Es ist zugleich ein spannender Zeitroman über die Geschichte der DDR und der Zerstörung aller Hoffnungen, einen Sozialismus ohne Repression aufbauen zu können.

Alle vier Romanfiguren besuchen die legendären Vorlesungen im Hörsaal 40 der Universität Leipzig. Der liberale Literaturprofessor Hans Mayer, im Roman nur ironisch-bewundernd als "Goethe-höchstselbst" bezeichnet, wird zum Förderer von Friedl, der es denn auch irgendwann gegen alle politischen Widrigkeiten selbst zum Professor schafft.

Privates & Politisches

Die zeithistorische Ebene gewinnt ab der zweiten Hälfte des Romans immer mehr an Gewicht: man erlebt mit, wie die verbotene Liebe der zwei Paare sich entwickelt vor Ereignissen wie dem Mauerbau, den zunehmenden Repressionen in der Kulturpolitik und den Machinationen der Stasi.

All dies wiederum ist schließlich nur die Vorgeschichte dazu, um wieviel erbarmungsloser die Universitäten samt Mitarbeitern nach der Wende abgewickelt werden.

Mit "Verwirrnis" hat Christoph Hein einen beeindruckenden Roman geschrieben, der Privates und Politisches verbindet zu einer fiktionalen Geschichte, die freilich genau so auch in Wirklichkeit hätte passieren können.