"Inmitten der zusammengestürzten Welt - menschliche Skelette mit Musikinstrumenten. Der Tod spielt Trompete. Felix erwacht. Er schwitzt. Er zittert." Sätze, die wie Nadelstiche unter die Haut gehen und beinahe ähnliche Schmerzen bei der Lektüre bereiten. Hans Joachim Schädlich, oft (und nicht zu Unrecht) als Meister der sprachlichen Reduktion gefeiert, hat wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er mit schlanken Sätzen auf wenigen Seiten mehr auszudrücken vermag, als in vielen opulenten Romanwälzern steckt.

Schädlich, der als Unterzeichner des Aufrufs gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann in der DDR zur persona non grata erklärt wurde, hat sich dem beschwerlichen Lebensweg des aus Osnabrück stammenden jüdischen Malers Felix Nussbaum (1904-1944) gewidmet, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Felka Platek in Auschwitz den Tod fand.

Schädlich bevorzugt Momentaufnahmen, die er mit stilistischer Meisterschaft in den Fokus rückt. Als Nussbaum 1933 als Stipendiat der Villa Massimo von seinem Künstlerkollegen Hans Hubert von Merveldt geohrfeigt wird, spürt man sogleich, dass der lange Arm der Nazis bis nach Rom reicht.

Nussbaum reist ab, die Barbarei macht auch vor der Kunst und den Künstlern nicht halt. Felix und Felka wandern quer durch Europa, fühlen sich gleichermaßen fremd wie ausgestoßen. In Belgien finden sie für geraume Zeit einen Zufluchtsort, getrieben von einem diffusen Gemisch aus Angst und Hoffnung.

Viele ihrer Freunde wählen den Weg nach Palästina. Doch Nussbaum wähnt seine Kunst lange Zeit als eine Art Schutzschild gegen den braunen Ungeist. 1943 entstand noch sein weltbekanntestes Gemälde "Selbstbildnis mit Judenpass", das einen Gesichtsausdruck präsentiert, der von Ratlosigkeit und Verzweiflung geprägt ist - möglicherweise den drohenden Tod voraus ahnend.