Journalist und Schriftsteller: Olivier Guez. - © apa/afp/Joel Saget
Journalist und Schriftsteller: Olivier Guez. - © apa/afp/Joel Saget

In Argentinien sind Schwangerschaftsabbrüche nach wir vor nur in Ausnahmefällen erlaubt. Einen Vorstoß, das Abtreibungsrecht zu liberalisieren, hat der dortige Senat, die zweite Kammer des Parlaments, jüngst mit knapper Mehrheit abgelehnt. Und so wird es vermutlich weitergehen wie bisher.

Schätzungen zufolge werden in dem Land jährlich über 350.000 illegale Abtreibungen durchgeführt - mit oft schlimmen, ja tödlichen Folgen für die betroffenen Frauen. Angesichts dessen klingt es fast wie ein Hohn der Geschichte, dass sich in den 1950er Jahren ein besonders berüchtigter Deutscher in Buenos Aires mit solch illegalen Schwangerschaftsabbrüchen finanziell über Wasser hielt.

Sicherer Hafen

Josef Mengele, der berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz, war 1949 über die "Rattenlinie" nach Lateinamerika geflohen und hatte, wie so viele andere ranghohe NS-Kriegsverbrecher auch, im Argentinien des Präsidenten Juan Perón einen sicheren Hafen gefunden. Und ausgerechnet er, dessen Experimente an KZ-Insassen an Grausamkeit kaum zu überbieten waren, half nun schwangeren Frauen in ihrer Not. Heute wäre er damit vermutlich ein Held aller liberal gesinnten Selbstbestimmungsverfechter, während sich Abtreibungsgegner in ihrer Haltung bestärkt fühlen würden: In diesem Fall war der Abtreibungsarzt tatsächlich ein Monster, eine medizinische Bestie.

Der französische Autor Olivier Guez hat ein mutiges Buch geschrieben. Es "zeichnet Josef Mengeles Geschichte in Südamerika nach. Manche Schattenzonen werden vermutlich nie ganz ausgeleuchtet werden. Nur mit der Form des Romans konnte ich dem makabren Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen". Mutig ist dieses Buch insofern, als es sich nicht darauf beschränkt, Mengeles dreißig Lebensjahre in Argentinien, Panama und Brasilien quasi dokumentarisch zu schildern, sondern sich gleichsam in den Kopf seines Protagonisten hineinversetzt.

Man kann das Dokufiction nennen, bei der sich sachlich gehaltene Passagen über das damalige Argentinien oder die gescheiterten Versuche, Mengele zu fassen, mit fiktionalen Schilderungen von Mengeles Situation abwechseln. Das gerät mitunter zur etwas biederen Geschichtsstunde und balanciert gelegentlich am Rande von Nazikitsch (etwa wenn Guez Mengeles Sexualität und Sadismus nebeneinander stellt).

Insgesamt aber entwickelt Guez’ Erzählung einen beachtlichen Sog, der sich vor allem aus zwei Aspekten speist: Zum einen wird Mengele gerade nicht als eiskalte Bestie geschildert, sondern als unerträglich narzisstischer Egomane, der einem reichlich jämmerlichen Lebensende entgegentrudelt.

Zum anderen wird noch einmal in aller Eindringlichkeit deutlich, wie wenig die Deutschen nach dem verlorenen Krieg daran interessiert waren, die Verbrecher des NS-Regimes zur Rechenschaft zu ziehen. Erst die Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst Mossad störte die Nazigrößen in ihrem bequemen südamerikanischen Exil auf, doch schon bald darauf war Israel nach dem Sechstagekrieg mit ganz anderen Problemen konfrontiert, und der Fahndungsdruck ließ wieder deutlich nach.

Zu den größten Absurditäten dieser Lebensgeschichte gehört die Tatsache, dass Mitte der 1980er Jahre plötzlich fieberhaft nach Mengele gesucht wurde. In Jerusalem findet ein Mengele-Tribunal statt; im bayerischen Günzburg, Mengeles Geburtsstadt, interessieren sich die Medien plötzlich für die Firma der Familie und deren langjährige Unterstützung des Geflohenen. Doch die Jagd gilt einem Phantom: Mengele war schon 1979 beim Baden ums Leben gekommen.

Gewagt und verstörend

Es ist bemerkenswert, mit welcher Formenvielfalt die französische Literatur sich in den letzten Jahren mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Jonathan Littell ("Die Wohlgesinnten"), Laurent Binet ("HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich"), Éric Vuillard ("Die Tagesordnung") und nun Olivier Guez, der schon das Drehbuch zu dem preisgekrönten Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" schrieb (es wären noch einige mehr zu nennen, deren Bücher bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden). Das ist oft formal gewagt, mitunter angreifbar und verstörend. Aber genau das soll Literatur sein.