Zeichen der Annäherung: Die öffentlichen Gebäude Georgiens (hier der Flughafen) zeigen zur Nationalflagge auch die der EU. - © Anadolu Agency
Zeichen der Annäherung: Die öffentlichen Gebäude Georgiens (hier der Flughafen) zeigen zur Nationalflagge auch die der EU. - © Anadolu Agency

Frankfurt/Wien. (eb) Ausgerechnet Georgien! - Andererseits: Gerade Länder abseits von Verlagsschwerpunkten haben sich als spannend für die zeitgenössische Literatur erwiesen. Wenn die Frankfurter Buchmesse 2018 auf Georgien gekommen ist, hat das durchaus etwas für sich. Zumal Georgien eine jahrhundertelange literarische Tradition und eine lebendige literarische Gegenwart hat. Damals, zu Sowjetzeiten, hat man das eher mitbekommen. Die Sowjetunion achtete darauf, die Kulturen ihrer Trabantenstaaten zu positionieren, und drängte darauf, deren Literatur zu übersetzen. Soweit sie politisch genehm war, war sie durch Verlage der DDR zu bekommen. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme verschwand Georgien aus den Buchhandlungen des deutschsprachigen Raums. Zeit, dorthin zurückzukehren.

Ein eigenes Alphabet

Anfang des 14. Jahrhunderts tauchte in Europa für den Raum östlich vom Schwarzen Meer und südlich des Kaukasus der Name "Georgien" auf. Bis heute ist das Land mit seinen knapp vier Millionen Menschen ein Vielvölkerstaat geblieben. Die Georgier selbst besitzen eine weltweit einzigartige Schrift mit 33 Buchstaben, die bis ins dritte Jahrhundert nach Christus zurückverfolgt werden kann. "Nichts ist so georgisch wie das Alphabet", pflegt der Schriftsteller Aka Morchiladze zu sagen. 33 kunstvoll geschwungene Buchstaben umfasst das Alphabet. Es basiert auf geometrischen Formen wie Kreis, Halbkreis und gerader Linie und geht vermutlich auf das vierte Jahrhundert zurück. 2016 wurde es von der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Dank der Sprache hat das Land, das Spielball der Großmächte von den Persern über die Mongolen bis zu den Russen war, seine Identität bewahrt. Als Außenposten im Oströmischen Reich wurde es im vierten Jahrhundert christianisiert. Der heilige Georg ist der Nationalheilige. Da es im Ostchristentum keine Kirchensprache gab, wurde schon früh in die eigene Sprache übersetzt.

So kann Georgien, das sich selbst Sakartwelo nennt, auf eine fast 1500-jährige Geschichte an literarischer Tradition zurückblicken. Als Höhepunkt in der georgischen Blütezeit gilt Schota Rustawelis Heldenepos "Der Recke im Tigerfell" aus dem 12./13. Jahrhundert. Auf seine literarischen Figuren nehmen Autoren heute noch Bezug.

In der zeitgenössischen Literatur geht es viel um den Aufbruch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - und enttäuschte Erwartungen. Junge Autoren forcieren zugleich die Debatte über gesellschaftspolitische Fragen wie die Homosexualität im konservativ geprägten Georgien.

Das Land ist seit 1991 unabhängig. Von einem dreijährigen Intermezzo zwischen 1918 und 1921 nach der russischen Revolution ausgenommen, stand Georgien fast 200 Jahre lang ununterbrochen unter der Herrschaft des großen Nachbarn. Die orthodoxe Kirche Georgiens ist immer noch eng mit Russland verbunden. Dessen Präsident Wladimir Putin unterstützt die abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Süd-Ossetien.

Annäherung an den Westen

Georgiens Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse soll nach dem Willen der Organisatoren die kulturelle und politische Verankerung in der westlichen Welt deutlich machen, die sich politisch etwa durch visafreies Reisen in und aus Schengen-Staaten manifestiert. Langfristig träumt Georgien von einem Beitritt zur EU. So wehen, einem Hoffnungssymbol gleich, auf den öffentlichen Gebäuden sowohl die georgische Fahne als auch die der EU.

Über 150 Übersetzungen allein ins Deutsche hat Georgien in den vergangenen Jahren finanziell gefördert. Zusammen mit den flankierenden Kulturveranstaltungen lässt sich das immer noch arme Land, dessen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf etwa ein Zehntel von dem Deutschlands kommt, das sechs Millionen Euro kosten.

Als literarische Hauptredner der Eröffnung der Buchmesse sind Aka Morchiladze und Nino Harataschwili vorgesehen. Auch der wichtigste georgische Literaturpreis, der Saba-Literaturpreis, wird heuer in Frankfurt vergeben.

Unter den Büchern, die in Frankfurt mit dabei sind, ist natürlich auch Rustawelis Epos in neuem Gewand, nämlich als "Der Held im Pardelfell" erzählt von Tilman Spreckelsen. Fast scheint es, als wäre Georgien nicht Georgien ohne sein mittelalterliches Epos. Man kann das auch erfreut Tradition nennen.