Am Anfang steht Stille. Am Ende war Stille. In den letzten Wochen seines Lebens, so die Literaturkritikerin Insa Wilke in ihrem Nachwort zu Roger Willemsens Band "Musik!" mit Aufsätzen, Manuskripten und Kurzessays zu Klang, Musikern und der Schönheit des Hörens, hörte der Autor keine Musik mehr.

Und der Auftakt des Buches des am 7. Februar 2016 im Alter von nur 60 Jahren verstorbenen Autors und Moderators lautet - "Stille". Gleich zu Beginn liest man da: "Stille ist der Zustand, in dem Musik geboren wird. Was immer sie sagt, ist sie doch auch komponiertes Schweigen und zieht sich selbst auf immer neue und originelle Weise ins Unhörbare zurück."

Dabei, so erinnert sich Wilke, lief früher bei Willemsen immer Musik, besuchte man ihn in seinem Haus nahe Hamburg. Morgens Klassik, abends Jazz. Als Funeral-Musik wünschte sich der Musikliebhaber ein Stück von Keith Jarrett sowie "Peace Piece" von Bill Evans.

Willemsen galt als "Vorzeige-Intellektueller" des Fernsehens. Nicht nur weil er über Musil promovierte. Auch weil er sich von seiner TV-Kollegenschaft dadurch unterschied, dass er Empathie und originelle Fragen mit der Fähigkeit verband, längere Nebensätze korrekt zu formulieren.

Der umtriebige Willemsen, einst Universitätsdozent in München, war aber nicht nur im TV gefragt und beliebt - im ZDF lief vier Jahre lang "Willemsens
Woche", in der der französische Jazz-Pianist Michel Petrucciani ein unverzichtbarer musikalischer Teil war -, sondern auch auf Lesebühnen, in Buchhandlungen und in Funkhäusern.

Ohren öffnend

Beim Norddeutschen Rundfunk kam von 2009 bis 2015 seine Sendereihe "Willemsen legt auf - Klassik trifft Jazz" auf 279 je 15-minütige Folgen. Er moderierte und konzipierte Musikprogramme, mit den Berliner Philharmonikern und mit dem Geiger Daniel Hope und gab bei Zweitausendeins eine Auswahl seiner Jazz-Favoriten heraus.

Manchmal allerdings, wenn er in "Musik!" anhebt, sich in tiefere Analysen zu stürzen, erschöpft er sich in rhetorischem Geklingel. Was etwa soll Folgendes nur bedeuten? "So betrachtet, führt die Stille in eine Reglosigkeit der Bewegung, in ein Schweigen alles Sprechenden, in die beredte Pause zwischen den Mitteilungen, in den Transitraum von Zuständen abseits von Aktionen: Man öffnet eine Schublade zur Hälfte, nimmt aber nichts heraus." Einige Male, so im Nachruf auf den Freund Petrucciani, lässt er sich gar zu unverbindlich mäandernder Plauderei forttragen.

Doch an zahlreichen anderen Stellen, wie in den Porträts vieler Jazzmusiker, findet sich große musikhistorische Belesenheit. Erstaunliche Koppelungen gibt es dann in der Sektion "Klassik und Jazz", gehalten in einem angenehm leichten Parlando. Salieri und Melody Gardot zusammenzuführen, Respighi und Gil Evans, Debussy und Jacky Terrasson, Antonio Soler und Earl Hines, das klingt schräg bis gewagt, ist aber tatsächlich häufig verblüffend - und Ohren öffnend.

Am Ende stellt sich die Frage: wo dieses Buch einreihen? Eher in die Jazzliteratur oder zwischen den Bänden über Klassik? Oder doch dieses Plädoyer für Musik als bereicherndes Lebenstonikum hin- und hertragen? Und, nur als Fangfrage: welche Musik dazu hören?