"Er schloss die Augen, hörte in sich hinein und spürte die Leere wieder, die Gleichgültigkeit. So könnte ich anfangen zu sterben, sagte er und fügte hinzu: Ich bin müde." Diese durchaus autobiografisch anmutenden Sätze hat Peter Härtling Johannes Wenger in den Mund gelegt - Hauptfigur in seinem letzten Roman, "Der Gedankenspieler".

Der alleinstehende Wenger hat als Architekt gearbeitet, schreibt noch Beiträge für Fachzeitungen, fristet aber ansonsten ein trauriges Dasein. Nach einem Sturz an den Rollstuhl gefesselt, hat er seine Selbstständigkeit verloren.

Peter Härtling (1933-2017) wusste, wovon er schrieb: Zwei Herzinfarkte, vier Stents, ein Schlaganfall, Diabetes und Dialyse hat er hinter sich gebracht. Schon 1990 berichtete er in dem vorzüglichen Roman "Herzwand" von ersten gravierenden gesundheitlichen Problemen. Die Literatur war für ihn wohl das wirksamste Medikament im Kampf gegen den körper-lichen Verfall, dem er sich mit großer Energie entgegenstemmte.

Seine Hauptfigur wird ob der wachsenden Abhängigkeit vom Pflegepersonal immer griesgrämiger und greift zum Alkohol. Härtling gewährt tiefe Einblicke in dessen Krankengeschichte. Der Verlust der Autonomie, der durch Pflegekräfte getaktete Alltag, das Gefühl der Entehrung. Härtling hat dies bedächtig geschrieben, ohne jede Larmoyanz oder Selbstmitleid. Über allem steht die quälende Frage, was eine Krankheit mit der Psyche des Menschen macht. "Der Gedankenspieler" ist ein ungemein aufrichtiges, erschütterndes Abschiedswerk. Das Vermächtnis eines bedeutenden Autors.