Die Frage "Wer bin ich?" ist irgendwie nicht aus unseren Köpfen zu bekommen; die eigene Existenz bleibt ein Rätsel, auch für Zeitgenossen, die ihre Befindlichkeiten gern in Klarsichtfolien mit sich herumführen. Dass sich die Frage überhaupt stellt, hängt mit unserer intellektuellen Grundausstattung zusammen, die, unabhängig von Auffassungsgabe, Ausbildung sowie ehrlich erworbenen oder erschlichenen Titeln nicht so konstant leistungsfähig ist, wie wir es gerne hätten.

Zudem entzieht sich das wesentliche Geheimnis, das über dem Anfang und Ende des Lebens liegt, ohnehin jeder Aufklärung. Gut so. Weniger ins Grundsätzliche geht es, wenn uns äußere Anlässe belästigen und wir Veranlassung sehen, besagte Frage aller Fragen zu stellen. Die Überlegungen, die uns dann zusetzen, sind zwar konkreter; ergiebiger wird’s dadurch aber nicht. Im Gegenteil; man gerät in einen Kreisgang, der zügig beginnt, dann jedoch schlurfender wird und schließlich nur noch Stillstand verspricht.

Fallender Stern

So geht es Sonja, der Hauptperson in Karl-Heinz Otts überaus lesenswertem Roman "Und jeden Morgen das Meer". Sonja ist Anfang sechzig, also nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht wirklich alt. Einst, gar nicht so lange her, war Sonja rund um die Uhr beschäftigt und erfolgreich. Als Chefin des bekannten, vorübergehend sogar mit einem Michelin-Stern behängten Hotels "Lindenhof" am Bodensee hatte sie die Verantwortung für vieles, ja fast alles und musste bevorzugt mit Gästen umgehen, die sich für wichtiger hielten, als sie waren.

Ihr Mann Bruno, durchweg maulfaul, aber ein angesehener Koch, blieb am liebsten im Hintergrund: Small Talk war seine Sache nicht, gerade auch der mit seiner Frau nicht. Als man ihm den Stern wieder entzieht, beginnt sein Verfall, er lässt sich gehen, hält den Küchenbetrieb aber noch aufrecht. Spät abends jedoch besäuft er sich im Weinkeller, wobei er von niemandem gestört werden will.

Wer ihn dennoch zu Gesicht bekommt, sieht Folgendes: "Auf gruselige Weise hatte es sogar etwas Gemütliches, wie er dort unten hockte. Er sah filmreif aus in seinem Korbsessel, mit übergeworfener Rossdecke, dem klapprigen Tischchen und der matten, von der Decke baumelnden Funzel, der Boden voller Zeitschriften, Bücher, Kreuzwortheftchen. Ein makabrer Spitzweg, der Weinkeller als Vorübung fürs Grab, ein Spinnwebenverlies und mönchisches Trinkerparadies. Als wollte er sich bereits ans Schummerlicht der Ewigkeit gewöhnen."

Drei Jahre bleibt Bruno im Keller. Tagsüber hantiert er in der Küche, aber es reicht nicht mehr; die Erfolge bleiben aus, dafür wachsen die Schulden. Dann ist Schluss: Ein ehemals hochgeschätztes Etablissement wird dicht gemacht. Sonjas Schwager Arno, ein selbsternannter, zur Großspurigkeit neigender Lebemann, übernimmt die Abwicklung und komplimentiert Sonja, die ehemalige Prinzipalin, hinaus.