Da ist Bruno schon gestorben; sein Tod kommt dennoch überraschend. Sonja setzt sich ab; sie geht nach Wales, übernimmt dort eine heruntergekommene Pen-
sion an der Küste, in die sich kaum Gäste verirren, sodass genug Zeit bleibt, über sich selbst und ihr bisheriges Leben nachzudenken. Resonanzboden dafür ist das Meer; es beruhigt durch seine bloße Anwesenheit, an der sich schließlich auch die Filmmusik dieses Romans ausrichtet.

Der Freigang in Sonjas Erinnerungen ist holprig und erweist sich letztlich als unergiebig: "Man müsste Erinnerungen zuklappen und bei Bedarf wie Fotoalben wieder aufklappen können, und sei es aus Langeweile. Aber sie führen ein Eigenleben und fragen nicht, ob man sich mit ihnen beschäftigen möchte oder nicht. Sie verflüchtigen sich auch nicht wie Wolken. Veränderung scheinen sie nicht zu mögen (. . . ) Ständig wiederholen sie die gleichen Szenen, nach denen nie ein Vorhang fällt."

Schattendasein

Ohne es zu wollen, macht sich Sonja daran, ihre Grübeleien zu beenden; ihr bisheriges Leben gibt es noch, aber es bekommt ein Schattendasein zugewiesen. Kein Bruno mehr, kein Arno, kein "Lindenhof"; sie haben ausgedient. Was ihr guttut, glaubt sie zu wissen; die Frage, wer sie ist, muss sie sich nicht mehr stellen, denn es bietet sich eine Wahrheit an, die direkt vor ihren Augen liegt: "Am Ende bleibt allein das Meer in seiner endlosen Bewegung. Es altert nicht, war nie jung, kennt keine Zeit. Seit je sieht es so aus wie jetzt, mit seinen im Mondlicht vagabundierenden Schatten, die wie Gespenster wirken."

"Und jeden Morgen das Meer" ist ein großartiges, mit feinem Humor versehenes Buch, das sich auch als Festschrift auf das Meer lesen lässt. Aus ihr lässt sich erfahren, dass es einen Zuspruch gibt, der in keiner Personalabteilung mehr zu verhandeln ist:

"Und jeden Morgen liegt es wieder da, das Meer, in seiner unendlichen Gleichgültigkeit. Und jeden Morgen macht sie sich auf zu den Klippen, bei jedem Wind und jedem Wetter. Und immer, denkt sie, ich könnte springen, zur einen Seite ist die schäumende Gischt, zur andern grünes Land und Schafe und in der Ferne bräunlich aufragende Berge."

Da man sich um Sonja jetzt keine Sorgen mehr machen muss, wäre daran zu denken, selber mal wieder ans Meer zu fahren. Obwohl: Am Boden- oder Neusiedlersee ist es ja auch ganz schön.