Ein Unbequemer: Ivan Cankar (1876-1918). - © Digitale Bibliothek Slowenien
Ein Unbequemer: Ivan Cankar (1876-1918). - © Digitale Bibliothek Slowenien

Als sich Ivan Cankar, der feinsinnige Erzähler Sloweniens, Ende Oktober 1918 bei einem Sturz schwer verletzte und am 11. Dezember in Ljubljana starb, hatte er gerade noch den Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie und die Ausrufung des SHS-Staates ("Staat der Slowenen, Kroaten und Serben", kurzzeitiger Vorgängerstaat Jugoslawiens) erlebt - beides ein Herzensanliegen des Dichters, zumal er auf eine demokratische Entwicklung seines Landes hoffte. Sein Verhältnis zur Monarchie wie auch zu seiner engeren Heimat war ja durchaus ambivalent und niemals ganz frei von Spannungen gewesen.

Cankar, dessen Name vom Deutschen "zanken" abgeleitet ist und auch so ausgesprochen wird, war seit seinen Volksschultagen in Vrhnika ein Unbequemer, Unangepasster und Schwieriger gewesen, auf der anderen Seite aber auch ein Anbeter des Weiblichen und Freund dionysischer Weltvergessenheit. Bereits seinen ersten Gedichtband mit dem Titel "Erotika" (1899), den der 23-Jährige herausbrachte, ließ der Bischof von Ljubljana, Anton Bonaventura Jeglič, aufkaufen und vernichten. Mit den Tantiemen brachte der rebellische Autor die zweite, verbesserte Auflage heraus. Beinahe zeitgleich mit den Gedichten erschien der von Naturalismus und Jugendstil beeinflusste Prosaband "Vinjete" (Vignetten).

Studium in Wien

Der junge Autor hatte inzwischen, wie so viele slowenische Intellektuelle vor und nach ihm, in Wien ein Studium begonnen, anfangs Hochbau, später Slawistik. Am liebsten hielt er sich allerdings im "Kleinen Café" vis-à-vis der (Alten) Universität auf, sofern er nicht in seinem Kabinett in der Lindauergasse in Ottakring bei Frau Albine Löffler und deren Tochter weilte und an seinen Skizzen und Romanen arbeitete. Häufig kreisten seine Gedanken um den Verlust seiner Herkunftsgegend - Vrhnika, 15 Kilometer westlich von Laibach -, die er in vielen Geschichten verewigte, in den bekannten Erzählungen "Eine Tasse Kaffee" ("Skodelica kave"), "Die heilige Kommunion" ("Sveto obhajilo") und "Vrzdenec", in denen es um das Leben seiner Mutter geht, die, als Frau eines vazierenden Schneiders, unter ärgster Not zwölf Kinder zur Welt gebracht hatte.

Cankar war eine durch und durch politische Figur. Jedes seiner Werke - etwa über das Kinderkrankenhaus in Wien ("Hia Marije pomočnice", 1904, "Das Haus zur barmherzigen Muttergottes") - ist ein J’accuse, ein öffentlicher Aufruf, eine Stimme in der Wüste des Imperialismus, den er, der leidenschaftliche Pazifist und Sozialaktivist, als die Schande des Jahrhunderts anprangerte, etwa im 1907 verfassten Roman "Hlapec Jernej in njegova pravica" ("Der Knecht Jernej und sein Recht"), der 1929 in deutscher Übersetzung mit einem Begleitwort von Emil Alphons Rheinhardt im Niethammer-Verlag, Wien-Leipzig, erschienen ist.