Mein Buchmessenguide S. hat mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass - wie jedes Jahr - die Stadt völlig verwandelt ist. Wo sonst nur die grauen Anzüge der Finanzsoldaten und Volkswirtschaftvernichter dominieren, flattern jetzt Literaturbeilagen durch den Wind. Und wenn sonst auch an den Kiosken beim örtlichen Bier in breitem Hessisch über die Zukunft von Eintracht Frankfurt debattiert wird, parliert man nun über die Werkausgabe von Uwe Tellkamp als lustiges Taschenbuch von Walt Disney Nr. 338 und schlürft dazu Prosecco. Die Stadt ist völlig verwandelt. Ein poetischer Schleier hat sich über sie gelegt. Selbst die Investmentbanker der Deutschen Bank geben nun vor, "Humanität" buchstabieren zu können.

Es liegt ein Zauber über der Stadt am Main.

Diese Luft!

Ein Zauber liegt auch über der Messe. Wenn man es auf wundersame Weise geschafft hat, von der S-Bahn-Station sofort den Weg in die richtige Halle zu finden, vorbei an den Taschenkontrollen, vorbei an den stets krampflächelnden Hostessen, dann setzt Du deinen ersten Schritt in die Halle und da merkst Du es: diese Luft! Nirgendwo auf der Welt werden wahrscheinlich gerade mehr Krankheitserreger von der brummenden Klimaanlage paritätisch über die Menschen aus aller Welt verteilt als hier. Dazu vernebelt akustisch ein babylonisches Sprachgewirr die Sinne. Kein Wunder, es sind einfach zu viele Menschen da. Viel zu viele.

Auf der Suche nach meinem Verlag renne ich etwa fast eine österreichische Krimiautorin um, später seh ich noch einen Münchner Tatortkommissar mit Kroationshintergrund und gerade, als ich mich frage, wer der nächste Prominente ist, über den ich stolpern werde, erinnert mich mein Buchmessenbegleiter S., was die wichtigen Dinge sind: Er zeigt mir den Stand mit dem besten Gratiskaffee und wo im Hof das Bier günstig und der Platz dennoch schattig ist. Der Mann ist ein Profi. Deshalb frage ich ihn auch gleich nach dem Gastland. Die kleine Kaukasusrepublik Georgien steht dieses Jahr als Gastland im Mittelpunkt der Messe.

Georgien, sagt mein Buchmessenbegleiter S., wäre eh okay, aber der Wein koste 6,50 Euro das Glas. Wir sind beide ehrlich erschüttert und beschließen, die Kaukasier alleine zu lassen.

Doch der Kulinarik ist auf der Buchmesse nicht zu entkommen.

Wir haben uns nämlich verlaufen. Und sind in Halle 3 gelandet. Hier sieht es aus, als würden hier nicht Bücher, sondern Küchen verkauft. Überall wird gekocht, gefuttert und getrunken. Zum Nachtisch gibt es Kinderbücher.

Aber auch anderes Hochliterarisches wird feilgeboten: "Spring - Entspanne Dich und Genieße es! Optimismus New Generation". Eine Art Gurt-System, das man sich umhängen kann und einen mit Vibrationen massiert. Optimismus kann man sich also umhängen. Aber vielleicht braucht die Verlagsbranche gerade genau das.