Wien. Der preisgekrönte Tatsachenroman "Das Verschwinden des Josef Mengele" des französischen Schriftstellers Olivier Guez liest sich wie ein rasanter Politthriller. Der berüchtigte KZ-Arzt von Auschwitz studierte Medizin und Naturwissenschaften in München, Wien und Bonn. Er flüchtet 1949 nach Südamerika. Dort taucht der "Todesengel von Auschwitz" ab in ein Netzwerk aus Gleichgesinnten. In Frankreich avancierte das Psychogramm eines unbelehrbaren Täters, der von seinen menschenverachtenden Überzeugungen nie abwich, in wenigen Wochen zum Sensationsbesteller.

Die "Wiener Zeitung" traf den 44-jährigen Autor zum Gespräch über nach wie vor geschlossene Archive, Lücken der Aufarbeitung und moralische Abstumpfung.

"Wiener Zeitung": 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Interesse an der Geschichte nationalsozialistischer Verbrechen zu wecken, ist eine Herausforderung. Warum ist Ihr Roman so erfolgreich?

Olivier Guez: Das ist schwer zu sagen. Die Geschichte der Nazis nach dem Krieg ist immer noch nicht ganz aufgearbeitet. Ich habe nicht über Erfolg nachgedacht, als ich das Buch begann, sondern mir überlegt, wie ich dieses Thema umsetzen kann. Ich bin kein Historiker und es sind noch nicht alle Archive offen. Ich wollte keinen journalistischen Bericht. Die beste Möglichkeit war deshalb die Form eines Tatsachenromans. So konnte ich beispielhaft ein Schicksal beschreiben: das eines Täters, der symptomatisch ist.

Jenseits dieser Archive: Zu welchen Unterlagen hatten Sie Zugang?

Ich habe drei Jahre recherchiert, vor allem die Literatur und universitäre Arbeiten studiert. Wichtig war für mich aber auch die Topografie, diese Orte zu besuchen wie Günzburg, Buenos Aires, Patagonien, Brasilien. Das aufzunehmen, zu erspüren. Es gibt aus den 80er Jahren Biografien, die lange Passagen aus seinen Tagebüchern enthalten. Das war genug Material für mich, um die Psychologie von Mengele zu verstehen. Die Idee war, ihm in Südamerika zu folgen.

Trotz Protesten wurden Mengeles Tagebücher vor sieben Jahren in den USA versteigert. Der Käufer blieb anonym. Wie wirkt das auf Sie?

Das ist eine nicht zu überbietende obszöne Geschmacklosigkeit. Diese Unterlagen gehören, wie der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz forderte, in das Bundesarchiv in Berlin.

Was immer noch verwundert ist, wie frei sich Mengele bewegen konnte.

Die deutschen Justiz- und Polizeistellen ermittelten halbherzig. Sie gaben Mengeles Freunden, die sein Untertauchen in Südamerika finanzierten, dezent einen Wink, wenn eine Durchsuchung anstand. So blieb immer Zeit, die Spuren zu verwischen. In den 50er Jahren konnte Mengele ganz offen leben. Er ging zur westdeutschen Botschaft in Buenos Aires, sagt: Ich habe gelogen, mein richtiger Name ist nicht Helmut Gregor. Ich bin Josef Mengele, und möchte meinen Pass wiederhaben. Und ein paar Wochen später kriegt er ihn. Seine Adresse stand Ende der 50er Jahre im Telefonbuch von Buenos Aires. Alte Nazis zu jagen, war auch für die Amerikaner nicht mehr dringlich, nachdem sie Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus aufbauen wollten.